Wie der Caddy fast an das Nordkap gefahren wäre

In diesem Jahr sollte ein lang gehegter Traum meinerseits in Erfüllung gehen: Eine Reise an das Nordkap. Ich bin von der kargen Schönheit der Natur begeistert. Egal, ob Wüste oder nordeuropäische Tundra. Die für uns lebensfeindliche Vegetation fasziniert mich und ich muss unbedingt dort hin fahren.

Schon viele Jahre träumte ich von einer Reise in den hohen Norden Europas. Immer wieder habe ich diesen Roadtrip verschoben. Ich war abgeschreckt von den ca. 6000 zu fahrenden Kilometern und der damit verbundenen unendlichen Zeit, die man im Auto – statt in der Natur – verbringt.

Aber in diesem Jahr sollte es soweit sein: das Nordkap ruft!

Die Vorbereitungen – Keine Nordkap-Reise ohne eine penible Vorbereitung. Nicht.

Für eine erfolgreiche Reise an das Nordkap bedarf es natürlich gründlichster Vorbereitungen. Es muss ausgearbeitet werden, wie sich die einzelnen Etappen des Roadtrips gestalten, wo man übernachtet und welche Highlights man entlang der Route unter keinsten Umständen verpassen dürfe.

So dachte ich es zumindest. Letztlich starteten wir unsere Reise ohne großartige Vorbereitung. Wir wussten, dass wir möglichst entlang Schwedens Ostseeküste Richtung Norden fahren wollte, bis wir irgendwann die norwegische Grenze passieren würden. Danach wird einfach „Nordkap“ in das Navi eingegeben und den Anweisungen der allwissenden Stimme des Smartphone Folge geleistet.

Die Corona-Pandemie machte weitere Vorbereitungen sowieso überflüssig, da die Situation an den jeweiligen Grenzübergängen ungewiss war. Von daher hieß es, einfach erst einmal starten.

Mit lediglich zwei gebuchten Fähren (Hinweg: Rostock – Trelleborg; Rückweg: Göteborg – Rostock) und einen komplett durchgecheckten Caddy ging es viel zu spät Richtung Norden.

Das Roadbook

Tag 1Chemnitz – Magdeburg221 km
Tag 2Magdeburg – Fähre Rostock – Trelleborg – Granna690 km
Tag 3Granna – Stockholm – Parkplatz Angersjöns (bei Hudiksvall)551 km
Tag 4Parkplatz – Angersjöns – First Camp Arcus Lulea633 km
Tag 5Lelua First Camp Arcus – Rasta Tönnebro (bei Bergby)685 km
Tag 6Rasta Tönnebro (bei Bergby) – Ulricehamn586 km
Tag 7Pause in Ulricehamn auf Skotteksgarden Campingplatz0 km
Tag 8Ulricahamn – Göteborg – Fähre Kiel99 km
Tag 9Kiel – Chemnitz587 km
Gesamt4052 km

Mit dem Caddy durch das grüne Südschweden

Am Abend legte die Fähre in Trelleborg an und für mich war jetzt klar, der nächste größere Stopp ist das Nordkap. Das Abenteuer konnte endlich beginnen. Endlich. Ein Traum ist wahr geworden.

Trelleborg haben wir schnell hinter uns gelassen und fuhren Richtung Helsingborg. Von dort ging es weiter in Richtung norden auf der E4.

Auf der Fernstraße E4 war spät abends nicht viel Verkehr. Der Caddy rollte ganz entspannt mit 90 km/h über die leere Straße. Schon hier fiel mir auf, dass nördliche Himmel immer noch leuchtete. Dieser Anblick des Nachthimmels war faszinierend.

Gegen 1.30 Uhr fuhr ich auf einen x-beliebigen Autobahnparkplatz am Vätternsee bei Granna. Am Abend sah man nicht viel von diesem Parkplatz. Erst am Morgen haben wir gesehen, was dies für ein toller Parkplatz ist und dass wir in der Nacht keineswegs allein waren.

Nach einem kurzen Frühstück ging es weiter Richtung Norden. Das heutige Ziel sollte die schwedische Hauptstadt Stockholm sein.

Stockholm – Möge Odyssee beginnen

Irgendwann am Mittag passierten wir die Stadtgrenze Stockholms. Schon hier merkte ich, dass der Caddy irgendwie – aus Richtung Motor – komische Geräusche von sich gab. Als jemand, der das Auto nicht kennt, hätte man es gar nicht wahrgenommen. Es war ein sehr, sehr leises Geräusch. Ich dachte, dass es nicht so wild sein wird, da ein altes Auto ja jeden Tag etwas anders klingt.

Was gibt es über Stockholm zu sagen? Stockholm ist eine schöne Stadt. Sehr grün, sehr jung und sehr schwedisch. In Stockholm lohnt es sich auf jeden Fall, die Räder für die Stadttour zu nutzen. Hier gibt es tolle Radwege. Und es lohnt sich auf jeden Fall, zwei, drei Tage die schwedische Landeshauptstadt zu erleben.

Letztlich kann ich aber gar nicht viel über Stockholm sagen, den Stockholm war für mich eine sehr teure Stadt.

  • Einerseits begann mein Auto, einen Defekt auszubrüten. Dieser Defekt sollte sich in naher Zukunft als sehr teuer entpuppen.
  • Andererseits fiel mir meine recht neue und fast unbenutzte Sony RX100 VA aus gefühlt 10 cm auf die Straße und war direkt am zweiten Reisetag beschädigt. Die Kamera funktionierte noch rudimentär – mehr aber auch nicht.

Stockholm muss ich in naher Zukunft auf jeden Fall noch eine zweite Chance geben, denn diese Stadt hat wirklich potential.

Fahren, fahren, fahren …

Eine Sache muss man über Schweden sagen: Auf Schwedens Straßen kann man es wirklich aushalten. Der Verkehr im Sommer 2021 war absolut aushaltbar und die Raststätten bzw. Parkplätze sind einfach nur traumhaft. Es ist quasi eine herausfordernde Challenge, einen Parkplatz ohne See zu finden. Es ist einfach so, wie man sich Schweden vorstellt.

Pro Tag fuhren wir ungefähr 600 Kilometer. Das klingt erst einmal nicht viel. Bedenkt man jedoch, dass wir spätestens 9 Uhr den Caddy auf die Straße schickten, den ganzen Tag im Auto verbrachten und uns erst kurz vor der Dunkelheit einen Parkplatz suchten, stehen die 600 gefahren Kilometer in einer anderen Relation. Die Tage verbrachten wir größtenteils im schönsten Mikro-Camper auf der E4 und verließen ihn nur für kurzen Zwischenstopps entlang der Route.

Aber das ist okay. Schließlich war das Ziel: Das Nordkap und die Lofoten. Wir wollten so wenig Zeit wie möglich, in Schweden verbringen und so schnell es ging, in den Norden fahren.

Doch leider kam es anders, als es auf dem nicht vorhandenen Plan stand. Das norwegische Fjell, das Nordkap, die Lofoten und die gesamte Reise verpuffte, als wir in am nördlichen Ende der Ostsee waren – in Lulea.

Werkstatt statt IKEA

Auf den letzten 1000 km begleitete uns ständig ein Geräusch aus dem Motorraum. Vornehmlich nahm ich es im Stand oder beim Beschleunigen wahr. Es ratterte, es knarrte. Irgendetwas entsprach auf jeden Fall nicht mehr dem Zustand, den ein Bauteil eines Autos haben sollte, wenn man durch halb Europa fahren möchte und das möglichst ohne einen längeren Werkstattaufenthalt.

An unserem nördlichsten Punkt, der Stadt Lulea, standen wir genau eine Nacht auf einem wunderschönen Campingplatz und wussten nicht, was wir mit unserem Frust machen sollten. Wir waren stark verunsichert, ob wir das Geräusch einfach ignorieren und die Reise einfach fortsetzen sollten. Oder ob wir handeln und das würde bedeuten, zumindest erst einmal eine Werkstatt aufzusuchen.

Es war ein sehr trauriger Gedanke, am nächsten Morgen die Rückfahrt anzutreten. Nur 3 Tagesetappen vor dem Ziel. Aber genau dieses Szenario sollte sich am nächsten Morgen bewahrheiten.

In einer netten schwedischen Werkstatt meinte der Mechaniker, dass es wohl ein Schaden an einem Getriebelager sein kann, welches dieses Geräusch verursacht.

Seine Meinung: War, dass es gutgehen kann, aber nicht gutgehen muss. Aber wir hätten ein Problem, wenn es im norwegischen Fjell passiert und links sowie rechts von uns keine Werkstatt ist. Selbst wenn wir eine Werkstatt finden würden, würde die Bestellung des Lagers sehr lang dauern und teuer werden.

Und Tschüß …

Nach einer halben Stunde Nachdenken entschlossen wir guten Gewissens, dass es nun exakt den selben Weg Richtung Süden geht.

Von der schönen Stadt Lulea an der nördlichen Ostseeküste haben wir im Grunde genommen gar nichts gesehen. Laut der digitalen Landkarte ist diese Stadt sehr schön gelegen. Auf vielen kleinen Inseln, es gibt viel Wald und überhaupt waren wir so nördlich auf diesem Planeten, wie zumindest ich es noch nie zuvor war.

Die Fähre war schnell umgebucht. Diesmal ging es schnell an Stockholm vorbei. Ich versuchte den Ratschlag des Mechanikers aus Lulea zu beherzen und möglichst schaltfaul zu fahren. Somit schauten wir uns die Landschaft der vergangenen drei Tage noch einmal an. Diesmal lediglich von der anderen Fahrbahn.

Die letzten Tage in Schweden

Unsere letzten Tage in Skandinavien verbrachten wir an einem wahnsinnig idyllischen See bei Ulricehamn. Dies ist ein wirklich schöner, kleiner Ort und es war das erste Mal, dass wir ein wenig zur Ruhe gekommen sind und Schweden von seiner äußerst schwedischen Seite genießen konnten.

Hier bekamen wir die langersehnten Sonnenuntergänge, die langen Sommertage und überhaupt konnten wir endlich campen, radeln sowie Land und Leute kennenlernen.

Diese letzten drei Tage vergingen sehr schnell. Schneller als uns lieb war, schlenderten wir durch Göteborg. Die zweitgrößte Stadt trat uns als eine sehr freundliche und schöne Stadt gegenüber. Leider hatten wir viel zu wenig Zeit, um mehr als einen kleinen Einblick in das Leben der Göteborger zu bekommen.

Am späten Nachmittag checkten wir auf der Fähre ein, um – nach einigen Startschwierigkeiten des Schiffes – am nächsten Morgen in Kiel anzukommen. Von hieraus ging das dann direkt und mit möglichst wenigen Schaltvorgängen zurück wieder in die Heimat.

Ab in die Werktstatt …

… ging es für den Caddy, als wir wieder in der Heimat angekommen sind. Es bewahrheitete sich die Vorahnung des schwedischen Mechanikers von Lulea: Ein Lager im Getriebe ist defekt gewesen und der hiesige Mechaniker meinte, dass es gut war, vor dem Nordkap umzudrehen. Mit verschränkten Armen meinte er, dass wir das Glück auf unserer Seite hatten, die Distanz ohne Schaden am Caddy geschafft zu haben.

Fazit dieser Reise, die ans Nordkap gehen sollte, aber gar nicht an das Nordkap ging

Trotz aller Widrigkeiten, trotz des ganzen Stresses dieser Reise und auch trotz der Reparaturkosten am Caddy, hat sich der Roadtrip auf jeden Fall gelohnt.

Ein ganz neues Gefühl für Entfernungen gab mir diese Reise auf jeden Fall. Vom heimischen Sofa aus, sieht die Distanz riesig und unendlich lang aus. Wir haben uns aber Tag für Tag in kleinen Schritten unserem Ziel genähert und haben es tatsächlich bis nach Nordschweden geschafft. Das begeistert mich rückblickend immer noch.

Betrachtet man nur die Luftlinie zwischen Start- und Endpunkt des Roadtrips, hätten wir bei gleicher Entfernung auch nach Marokko, Libyen, Algerien oder Tunesien fahren können. Und das alles in ein paar Tagen. Es war eine tolle Erfahrung.

Für nächstes Jahr steht das Reiseziel auf jeden Fall fest: das Nordkap.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wie sagt man so schön: Der Weg ist das Ziel.
    Es wäre doch langweilig, wenn alles nach Plan laufen würde. Das Nordcap übrigens, ist auch im kommenden Jahr noch da wo es ist. Im Norden. Fern, aber diesmal wird es bestimmt klappen. Ein Caddy End sozusagen 🙂

    • Hallo Thomas, das stimmt natürlich. Einerseits hat es einen gestärkt, dass man für viele Probleme eine Lösung finden kann und dass Entfernungen immer relativ sind 🙂

      Danke für dein Kommentar 🙂

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