
Am späten Nachmittag sind wir endlich in einer unserer Sehnsuchtsstädte dieser Welt angekommen. Endlich waren wir wieder in Kathmandu.
Wir hatten unseren Fahrer bezahlt und ihm noch ein faires Trinkgeld gegeben. Nun war es Zeit, uns mit unseren Rucksäcken auf den Weg zum Hotel zu machen. Zunächst dachten wir, wir würden den Weg ohne Navigation finden – doch so war es nicht. Nach acht Jahren brauchten wir doch ein paar Hinweise, bevor wir das Hotel in den vielen Straßen des touristischen Stadtteils Thamel fanden.
Schon bald standen wir in der Lobby des Hotels. Während des Check-ins stellte ich fest, dass in den letzten acht Jahren die Inhaber gewechselt hatten. Die Leitung und die Angestellten waren sehr jung. Dennoch machte die Unterkunft weiterhin einen sehr guten Eindruck.
Wir bezogen unser schönes Zimmer und machten uns bald darauf auf den Weg, die Straßen von Kathmandu wiederzuentdecken.
Das Schöne an unserem erneuten Kathmandu-Besuch war, dass wir genau wussten, was wir uns noch einmal ansehen wollten – und überhaupt keinen Stress hatten, da wir die Must-haves bereits während unserer ersten Nepalreise abgehakt hatten.
So warteten nun wunderbare Tage in dieser faszinierenden Stadt auf uns.
Triggerwarnung: Bilder von Bestattungen, trauernden Menschen und verstorbenen Menschen im Kapitel Pashupatinath
Die Swayambhunath Stupa: Zwischen Affen, Gebeten und Aussicht
Die Stupa von Swayambhunath ist eines der bekanntesten Wahrzeichen Kathmandus. Aufgrund der vielen Affen, die den Hügel bevölkern, wird der Tempel auch „Monkey Temple“ genannt.
Die Anlage zählt zu den heiligsten Orten des Landes und ist entsprechend gut besucht. Vor einigen Jahren waren wir hier noch fast allein und erinnerten den Ort als sehr idyllisch. Vor allem wegen der großartigen Aussicht nahmen wir die vielen Stufen gerne in Kauf.
Die Aussicht war auch diesmal beeindruckend. Allerdings mussten wir sie uns mit sehr vielen Menschen teilen. Nach unseren Erfahrungen in Tibet, wo wir oft die einzigen Touristen waren, war das ungewohnt. Plötzlich standen wir mitten in einem Meer aus Reisegruppen, Individualreisenden und einheimischen Besuchern.
Später zogen wir uns in eine der zahlreichen Rooftop-Bars zurück. Dort fanden wir endlich etwas Ruhe, abgesehen von den teils frechen Affen. Bei einem Getränk genossen wir den Blick auf die Tempelanlage.
Hier wurde uns deutlich, wie stark der Tourismus in Nepal zugenommen hat. Das ist natürlich positiv für die lokale Wirtschaft. Und trotz der vielen Besucher bleibt Swayambhunath ein lohnenswertes Ziel.









Gemeinsames singen am Annapurna-Tempel in Kathmandu
Auf Reisen begleitet mich oft ein gewisses Gefühl von „Fear of Missing Out“. Dabei geht es mir weniger um Sehenswürdigkeiten als um besondere Stimmungen und Begegnungen.
Eines Abends ging ich noch einmal durch die Straßen von Thamel. Nach wenigen Minuten entdeckte ich eine kleine Gruppe von Menschen, die vor dem Annapurna-Tempel gemeinsam sangen.
Ich blieb stehen, beobachtete das Geschehen und hielt einige Eindrücke mit der Kamera fest. Nach einiger Zeit sprach mich ein Mann an und freute sich darüber, dass ich mich für die lokale Kultur interessierte.
Er erklärte mir, dass sich die Gemeinschaft regelmäßig dort trifft, um gemeinsam zu singen und das Miteinander zu stärken. Wir kamen ins Gespräch und sprachen auch darüber, wie wenig Nachbarschaft es in Deutschland oft gibt. Dieser Gedanke stimmte mich nachdenklich.
Die Begegnung war inspirierend und hat mir neue Perspektiven eröffnet.






Pashupatinath: Wo Leben und Tod aufeinandertreffen
Schon vor acht Jahren haben mich die Shiva-Tempel von Pashupatinath sehr beeindruckt. Im Osten von Kathmandu befindet sich das wichtigste, weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannte hinduistische Heiligtum. Jedes Jahr zieht es Tausende hinduistische Pilger (und natürlich auch uns) an. Die Anlage liegt am Ufer des heiligen Bagmati-Flusses und ist eine der Hauptverbrennungsstätten für Verstorbene in Kathmandu.
Vielleicht ist es das unmittelbare Aufeinandertreffen von Leben und Tod, spiritueller Freude und tiefster Trauer, das man hier aus nächster Nähe beobachten kann, das diesen Ort so besonders macht.




Schon wenn man am Tempelgelände ankommt, merkt man, dass hier viel los ist. Einerseits sieht man mittlerweile einige Reisegruppen, vor allem aber spirituelle bzw. einheimische Besucherinnen und Besucher.
Nähert man sich der Tempelanlage weiter, sieht man bereits die Rauchschwaden, die in den Himmel aufsteigen. Dieser Rauch stammt von den zahlreichen Verbrennungsstellen am Ufer des heiligen Bagmati-Flusses.
Für Reisende empfiehlt es sich, auf die andere Seite des Bagmati-Flusses zu gehen und sich dort einen Platz gegenüber den Verbrennungsstellen zu suchen.
Von diesem Platz aus hat man die Möglichkeit, die Verbrennungsrituale zu beobachten und auch zu bestaunen. Dabei merkt man schnell, dass Menschen im Hinduismus anders mit dem Thema Tod umgehen. Das bedeutet nicht, dass sie nicht unter tiefer Trauer leiden, sondern vielmehr, dass es andere Rituale gibt, die helfen, mit dieser Trauer umzugehen.
Am Ufer des Bagmati gibt es verschiedene Verbrennungsstellen, die nur von den jeweiligen Ständen genutzt werden können. Hier wird zwischen besser gestellten und einfacheren Verhältnissen unterschieden.




Wir hatten an diesem Tag großes Glück, mehrere Zeremonien komplett beobachten zu können. Ein solches Verbrennungsritual beginnt meist mit einer Zeremonie, bei der sich alle Angehörigen noch einmal von dem Verstorbenen oder der Verstorbenen verabschieden. Dabei wird der verstorbene Mensch in feine Tücher gehüllt, mit Blumen geschmückt und mit einigen Tropfen des heiligen Flusswassers beträufelt.
In der Zwischenzeit wird auf den Verbrennungsplattformen das Holz aufgeschichtet, das von den Arbeitern mühsam dorthin getragen wird. Zum Anzünden werden viele Bündel Stroh verwendet.
Nun wird der Verstorbene oder die Verstorbene von den Angehörigen vom Ufer des Flusses zu den Verbrennungsplattformen getragen. Dort angekommen wird der Körper in einem bestimmten Ritual auf den Scheiterhaufen gelegt. Nachdem der letzte Abschied von diesem geliebten Menschen stattgefunden hat, wird dieser entzündet.
Die Angehörigen entfernen sich nun langsam und versuchen, ihren Abschied und ihre Trauer zu verarbeiten, bevor sie das Gelände verlassen. Was das Feuer übrig lässt, wie zum Beispiel Asche oder Schmuck, wird in den heiligen Bagmati-Fluss gefegt.





Viele solcher Rituale finden zeitversetzt und parallel statt. Auf der Seite der Verbrennungsplattformen werden diese Rituale vor allem von einheimischen Menschen beobachtet. Die Touristen stehen auf der anderen Seite des Flusses und verfolgen die Szenerie aus etwas größerer Entfernung.
Parallel dazu werden bereits die nächsten Verstorbenen direkt mit dem Krankenwagen angeliefert und für die Verbrennung vorbereitet, während zahlreiche Guides den Besuchern die Tempelanlage zeigen und Pilgerinnen und Pilger die heiligen Tempel aufsuchen.



Dieser Ort ist wirklich besonders. Hier wird man nach meinem Empfinden mit der Härte des Lebens direkt konfrontiert und das in einer zugleich sehr angenehmen und doch fremden Umgebung. Ich weiß nicht genau, was dieser Besuch mit mir gemacht hat. Vielleicht nichts. Vielleicht zeigt er einem aber auch, wie vergänglich das Leben ist und was für eine wertvolle Gabe es ist, am Leben zu sein und Momente mit wertvollen Menschen teilen zu dürfen.


Boudhanath: Ein Stück Tibet mitten in Kathmandu
Diese Stupa ist die größte des Landes und gemeinsam mit dem Affentempel das wichtigste buddhistische Heiligtum Nepals. Aufgrund der chinesischen Besetzung Tibets und der daraus resultierenden Fluchtbewegungen hat sich hier eine der größten tibetischen Siedlungen außerhalb Tibets etabliert.
Dementsprechend gibt es in der Nähe der Stupa viele buddhistische Klöster und zahlreiche tibetische Bräuche, die man hier beobachten kann.
Wir sind mehrere Runden um die Stupa gelaufen und haben die gläubigen Menschen beobachtet. Ein wenig fühlten wir uns, als wären wir in Tibet. Allerdings fielen uns zwei offensichtliche Unterschiede auf: Einerseits waren hier mehr Touristen, als wir in ganz Tibet gesehen hatten, und andererseits konnte man hier Bilder des aktuellen Dalai Lama sehen und auch käuflich erwerben. Letzteres ist in der autonomen Region Tibet heutzutage strengstens verboten.
Wir haben den Ausflug zur Stupa außerdem genutzt, um die umliegenden Straßen zu erkunden und uns in einem der wirklich tollen Restaurants mit einem hervorragenden Sandwich zu stärken.





Garden of Dreams: Ruheoase mitten im Chaos von Thamel
Einen cleveren Schachzug haben wir während der Planung unserer Tibet- und Kathmandu-Reise gemacht. Wir haben unser Zimmer in Kathmandu einfach einen Tag länger gebucht, als wir es benötigt haben. Einerseits war der finanzielle Aufwand gering, und gleichzeitig haben wir so die Menschen vor Ort unterstützt. Andererseits konnten wir dadurch einen entspannten Late-Checkout genießen.
Wir sind erst am frühen Abend frisch geduscht zum Flughafen gefahren, um unseren Flug nach Doha, Katar anzutreten.
Davor hatten wir alle Zeit der Welt, um noch entspannt ein paar Souvenirs zu shoppen und unsere letzten nepalesischen Rupien für den Eintritt in den Garden of Dreams zu investieren.
Der Begriff „investieren“ passt hier tatsächlich, da wir in Ruhe und Entspannung investiert haben. Der Garden of Dreams ist eine echte Oase, in der man dem Lärm, dem Trubel und teilweise auch dem Staub auf den Straßen Thamels entfliehen kann.

Gerade im Jahr 2018 war es im Oktober sehr staubig in Kathmandu. Überall waren Baustellen, und die Fahrer von Mopeds, LKWs und Autos fuhren unheimlich aggressiv. Die Luft war so verschmutzt, dass einem am Abend die Nase und der Rachen wehtaten.
Allein die 5.000 Quadratmeter große Oase mitten in Thamel reichten aus, um sich davon zu erholen. Kaum hatte man das Tor zum Garten durchschritten, wurde es merklich leiser, und man konnte wieder freier durchatmen.
Der Garten wurde in den 1920er-Jahren angelegt. Als Vorbild galten die Gartenanlagen Großbritanniens. Damals war er mehr als dreimal so groß wie heute. Dennoch lohnt sich ein kurzer oder auch längerer Besuch, auch wenn ein geringer Eintritt zu zahlen ist.
Wir haben die Zeit hier jedes Mal sehr genossen; egal, ob wir das kleine Café besucht haben oder einfach auf einer Bank saßen und den Blick auf etwas Grün genossen.




Kathmandu im Wandel: Ein Blick nach acht Jahren
Auch dieser zweite Besuch der nepalesischen Hauptstadt hat sich gelohnt. Es war sehr schön zu sehen, was sich in den vergangenen acht Jahren verändert hat. Die Infrastruktur vor Ort hat sich zwar nicht grundlegend verbessert, dennoch waren Fortschritte erkennbar.
Kathmandun im Wandel: Vom Geheimtipp in Richtung des Mainstreams
Vor acht Jahren hatten wir noch jeden Tag einen kurzen Stromausfall. Das haben wir im Jahr 2025 während unseres Aufenthalts gar nicht mehr bemerkt. Die Angebote für Touristen haben sich ebenfalls sehr gut entwickelt. Mittlerweile gibt es viele Restaurants und Cafés, sodass kein Reisender etwas vermissen muss.
Dieses Mehrangebot ist natürlich auch die Folge davon, dass inzwischen deutlich mehr Menschen nach Nepal reisen. Uns ist aufgefallen, dass Kathmandu sehr voll mit Touristen war. Es war deutlich voller als noch vor acht Jahren. Nepal ist als Reiseziel offenbar etwas mehr in den Mainstream gerückt.



Das bedeutet auch, dass es nun Menschen nach Nepal zieht, die lauter sind und sich weniger an die Gepflogenheiten vor Ort anpassen. Vor einigen Jahren sah man überwiegend Reisende, die eher unauffällig gekleidet waren. Knie und Schultern waren bei Männern wie Frauen bedeckt. Man passte sich den Gewohnheiten vor Ort an. Auch reiste man nicht unbedingt mit seinen besten Sachen, da diese nach einem halben Tag ohnehin komplett verstaubt waren.
Heute wirkt das anders: Die Reisenden erinnerten mich teilweise an klassische Thailand-Touristen. Inwieweit das die Menschen vor Ort stört, kann ich nicht einschätzen. Deshalb verstehe ich meine Worte hier als Beobachtung, nicht als Wertung.
The Indian Way of Tourism: Wenn aus Begegnungen Geschäfte werden
Eine andere negative Entwicklung ist der Umgang mit Reisenden in Kathmandu gewesen. Mehrmals wurde versucht, uns zu betrügen. Noch vor einigen Jahren war Kathmandu als die Stadt bekannt, in der man sich so sicher fühlen konnte wie kaum irgendwo sonst auf dieser Welt. Ich persönlich habe mich auch diesmal durchgehend sicher gefühlt – es gibt also keinen Grund zur Sorge.
Während unserer kurzen Zeit in Kathmandu hat man jedoch dreimal versucht, uns auf einfache Weise zu täuschen oder überteuerte Geschäfte mit uns zu machen.
Schon im ersten Restaurant, das wir noch von unserer ersten Reise kannten, wollte uns der junge Kellner nebenbei Zeichnungen verkaufen. Er erzählte uns eine absurde Geschichte, um unser Mitleid zu wecken. Dabei vergaß er jedoch, dass man diese Mandalas überall in der Stadt für einen Bruchteil des Preises kaufen kann. Kaum waren wir wieder in Deutschland, schrieb er mich an und bat um Geld für ein Geschäft.
Eine ähnliche Geschichte erlebten wir mit einem 16-jährigen Jungen, der uns nahe des Annapurna-Tempels ansprach und meinte, er wolle mit uns Englisch sprechen. Die Situation kam mir zunächst etwas merkwürdig vor, dennoch ließ ich mich darauf ein. Er zeigte uns ein paar Sehenswürdigkeiten rund um den Tempel, doch bald wurde klar, worauf es hinauslief: ein Haus, in dem Mandalas verkauft wurden. Dort fragte er uns, ob wir uns seine Zeichnungen ansehen wollten.
Kaum hatten wir das Haus betreten, sahen wir viele kleine Räume, in denen sich jeweils Reisende aufhielten – zusammen mit einem älteren Mann (der vermutlich das Geld entgegennahm) und einem Jungen, der die Besucher ansprach. Auch hier scheint es ein Geschäftsmodell geworden zu sein, Reisende gezielt in solche Situationen zu bringen. Die Preise der Mandalas waren zwar nicht so extrem wie im Restaurant, aber dennoch deutlich höher als auf der Straße.
Ich finde es schade, dass sich manche Menschen darauf konzentrieren, dem schnellen Geld hinterherzulaufen, anstatt durch Qualität und gute Dienstleistungen bekannt zu werden. Denn das Nachbarland Indien hat sich in Teilen genau in diese Richtung entwickelt und ihr wisst, welchen Ruf viele Regionen dort unter Reisenden haben.


Die größte Stärke Nepals ist die Menschlichkeit
Eine Stärke der Nepalesen hat sich jedoch überhaupt nicht geändert: Die meisten Menschen, die wir getroffen haben, sind so unheimlich nett, zuvorkommend und empathisch. Dies ist uns schon vor acht Jahren aufgefallen und auch in diesem Jahr wieder.
Es ist solch ein schönes Gefühl, mit den Menschen vor Ort in Kontakt zu kommen und ihre Herzlichkeit zu erfahren. Das ist die Stärke des Landes. In diesem Bereich können viele Menschen der Welt – inklusive mir – noch einiges von den Menschen Nepals lernen.
Und genau das ist der Grund, warum ich liebend gern auch ein drittes Mal nach Nepal reisen möchte und hoffentlich auch werde.












