
Im Winter war es mal wieder soweit: Die Reiseplanung für das kommende Jahr stand an. Je mehr man von der Welt gesehen hat, desto schwerer wird es, passende, erschwingliche und gut erreichbare Ziele zu finden und natürlich Ziele, die sich in diesem Fall innerhalb einer Woche bereisen lassen.
Meine erste Wahl fiel auf Algerien. Von diesem Land hatte ich keinerlei Bild im Kopf. Die Visa-Situation erwies sich nach erster Recherche als zumindest mühsam. Doch fand ich dabei auch eine Information, die mich sofort aufhorchen ließ: Im Süden Algeriens soll es noch Wüstendörfer geben, die ein ausgesprochen traditionelles Leben führen. Orte, an denen man einem Leben aus der Vergangenheit begegnen kann. Es gäbe sogar eine Vorschrift, dass man in diesen Dörfern nicht fotografieren darf. Das alles klang ungemein spannend und ich war hellauf begeistert.
Leider erwies sich der Weg zu einem Visum im verfügbaren Zeitrahmen als zu aufwendig. Also musste ein Ersatzziel her: Die Wahl fiel dabei auf Tunesien.
In Tunesien war ich 1995 schon einmal, damals noch mit meinen Eltern. Vom Land selbst habe ich allerdings wenig gesehen. Einerseits war ich noch recht jung, die Erinnerungen sind entsprechend verblasst. Andererseits verbrachten wir einen klassischen Hotelurlaub, der wenig Raum für Entdeckungen ließ.
Das Ziel für die kommende Reise stand damit fest: Es sollte ans Tor der Sahara gehen. Schon die erste kurze Recherche zeigte, dass Tunesien einige hidden Gems zu bieten hat und von daher lohnt sich eine Reise in das Land der 2011 stattgefundenen Jasminrevolution bestimmt.
Die Planung der Reise: Wüste, Oasen und verlassene Dörfer
Also hieß es, sich mit dem nordafrikanischen Land zu beschäftigen. Ein Reiseführer aus dem Reise Know-How Verlag war schnell bestellt, spannende YouTube-Videos ruckzuck herausgesucht und die ersten Beiträge auf Reddit bereits gelesen.
Nach ein paar Tagen der Planung stand für uns fest: Wir wollten uns auf den Süden Tunesiens konzentrieren. Diese Region unterscheidet sich grundlegend vom mediterranen Norden des Landes. Die Wüste hat hier die Landschaft längst in Besitz genommen, lediglich unterbrechen wunderschöne Oasen und spektakuläre Bergformationen die Wüste. Auch kulturell hat der Süden einiges zu bieten. Gut erhaltene, heute nahezu verlassene Orte erzählen von den Berbern und Wüstennomaden, die diese Gegend einst besiedelten und man kann sich hier sehr gut vorstellen, unter welchen Bedingungen die Menschen damals lebten.
Natürlich stand auch ein Besuch der Sahara auf dem Programm. In Tunesien reichen ihre nordöstlichen Ausläufer bis ins Landesinnere.
Anschließend sollte es in einem vergleichsweise zügigen Ritt mit dem Mietwagen in den Norden gehen. Vorbei an unzähligen Olivenhainen und der ein oder anderen römischen Ausgrabungsstätte, bis wir schließlich die Hauptstadt dieses abwechslungsreichen Landes erreichten.
Für eine Woche war das ein ambitioniertes Programm, mit einem Mietwagen aber durchaus machbar.
Mit Umweg und Mehrkosten ins Abenteuer: Keine Low-Budget Reise
Leider gab es keine passenden Flüge aus dem Osten Deutschlands nach Tunesien. Am liebsten wäre uns ein Direktflug in den Süden des Landes gewesen. Ich recherchierte wirklich sehr aufwändig: Flugpläne sämtlicher Airlines, Flughäfen in der näheren Umgebung, aber auch weiter entfernte Optionen. Günstige Flüge nach Tunesien, die terminlich gepasst hätten, gab es schlicht nicht.
Bis auf einen: den Lufthansa-Flug von Frankfurt nach Tunis. Dieser hatte gleich zwei Haken. Erstens war er für knappe zwei Flugstunden unverschämt teuer. Zweitens bedeutete er, dass wir die Strecke zwischen Norden und Süden Tunesiens zweimal mit dem Mietwagen zurücklegen mussten: hin und zurück. Eine Richtung umfasst rund 500 Kilometer, was einer kompletten Tagesetappe entspricht.
Nun gut, das waren die Rahmenbedingungen und wir entschieden uns, es durchzuziehen. Den Mehraufwand und die Mehrkosten buchten wir kurzerhand unter „Erlebnis“ ab. Denn es hatte auch sein Gutes: Nach unserer letzten Weltreise standen wir wieder einmal am Frankfurter Flughafen und konnten ein paar Big Jets beobachten, das hat durchaus seinen eigenen Reiz.




Am Abend vor dem Flug fuhren wir nach Frankfurt und verbrachten die Nacht im Parkhaus. Am nächsten Morgen war der Weg zum Check-in kurz, und anschließend genossen wir bei einem der zahlreichen Cafés den Blick aufs Rollfeld. Gleich am ersten Tag gelang uns ein kleines Spar-High-Five: Wir kauften uns lediglich ein Getränk im Café und aßen unsere mitgebrachten Snacks dazu. Die Aussicht auf das Rollfeld war somit fast gratis.
Der Flug selbst im kleinen A320 verlief problemlos und nach einem Stück Lindt-Schokolade von Lufthansa landeten wir in Tunis.


Das Abenteuer beginnt schon am Flughafen: Ein Mietwagen mit Kompromissen
Die Hauptstadt Tunesiens begrüßte uns mit überraschend kaltem Wetter: 12 Grad Celsius und Regen. Das Gepäck war schnell abgeholt, und die SIM-Karte ebenso zügig organisiert und aktiviert. Wir entschieden uns für den lokalen Anbieter Tunisie Telecom und das war eine gute Wahl. Der Preis stimmte, und wir hatten während der gesamten Reise durchgehend besten Empfang. Keinerlei Kompromisse also, und das Geld blieb trotzdem in der Region. Mir persönlich ist das wichtig: Ich versuche, möglichst viele meiner Ausgaben bei lokalen Unternehmen zu lassen, anstatt sie an internationale Konzerne weiterzureichen.

Anders lief es beim Mietwagen. Auch hier hatte ich ein lokales Unternehmen gefunden und bewusst gebucht. Doch rückblickend ging meine Ambition, das Geld in der Region zu halten, an diesem Punkt nicht ganz auf.
Es begann schon mit Irrwegen: Niemand vom Mietwagenunternehmen holte uns am Flughafen ab. Wir warteten gut eine Dreiviertelstunde; die wir immerhin sinnvoll nutzten, um Geld zu wechseln und die SIM-Karte zu aktivieren. Schließlich wandten wir uns an die Touristeninformation im Terminal. Die Mitarbeiterin rief die Mietwagenfirma an und es stellte sich heraus: Der Mitarbeiter war durchaus am Flughafen. Nur unsere Buchung war trotz Bezahlung nicht korrekt übermittelt worden und somit wusste er nicht, dass wir ihn suchten bzw. er uns suchen sollte.
Das Problem ließ sich zum Glück unkompliziert lösen und er organisierte uns einen Ersatzwagen. Allerdings hieß das: nochmals warten. Diesmal warteten wir auf dem Parkplatz des Flughafens im Regen, dass die Zeit vergeht.

Nach weiteren 30 Minuten präsentierte er uns stolz den Mietwagen. Ich verstand zunächst gar nicht, dass das unser Auto sein sollte. Ich hielt es für sein Privatfahrzeug, so verschmutzt war es, innen wie außen. Als sich herausstellte, dass es tatsächlich unser Mietwagen war, nahmen wir es mit Humor auf: andere Länder, andere Sitten. Wir hätten ihn als erstes von innen und außen geputzt sowie komplett entrümpelt.
Beim Start des Wagens offenbarte sich dann das nächste Problem: Ich habe noch nie so viele Warnleuchten gleichzeitig aufleuchten sehen. Ein kurzes Telefonat mit dem Chef der Firma genügte und wir bekamen unkompliziert einen anderen Wagen.
Dieser war ebenfalls alles andere als sauber, machte aber einen deutlich gepflegteren Eindruck und startete ganz ohne Warnleuchten-Feuerwerk.
Endlich wieder unterwegs: Der Trans-African Highway in Richtung Medenine ruft
Nach gut drei Stunden konnten wir das Flughafengelände endlich verlassen. Schnell noch ein paar Lebensmittel für die Fahrt besorgt, dann nahmen wir die Route in den Süden in Angriff, entlang des Trans-African Highways.
Auf Reddit hatten mich einige Locals gewarnt, möglichst große Teile der Strecke nicht im Dunkeln zu fahren. Unbeleuchtete Fahrzeuge, kombiniert mit dem hiesigen Fahrverhalten, sollen nach Sonnenuntergang ein echtes Risiko darstellen.
Natürlich erwischte uns die Dunkelheit. Dank der Mietwagen-Verzögerung ließ sich das nicht vermeiden. Ehrlich gesagt empfand ich die Fahrt trotzdem als entspannt. Aber ganz von der Hand zu weisen ist der Hinweis der Locals nicht: Die Straßen waren tatsächlich kaum beleuchtet und je südlicher wir kamen, desto dunkler wurde die Nacht.


Unser Ziel für diesen Tag war Medenine. Das war ein guter Kompromiss zwischen möglichst kurzer Fahrzeit am ersten Tag und möglichst weit in den Süden zu kommen.
Was uns dort erwartete, stellte sich im Nachhinein als kleiner Glücksgriff heraus: ein ruhiger Ort mit einer Unterkunft, die wie aus einer anderen Zeit wirkte. Gegen 20 Uhr kamen wir an, bekamen noch ein köstliches Abendessen und waren mit einem Mal wirklich in Tunesien angekommen.
Wenn man bedenkt, dass wir 24 Stunden zuvor noch im Parkhaus geschlafen hatten und uns nun inmitten eines Traums aus Tausendundeiner Nacht befanden. Das war eine wirklich bemerkenswerte Steigerung.
Erschöpft, aber voller Vorfreude auf den nächsten Tag sowie das lokale Frühstück schliefen wir mit dem Gedanken „Endlich wieder auf Reisen“ ein.




