
Vom ersten Tag an war ich komplett vom Süden Tunesiens begeistert. Vor wenigen Tagen steckten wir noch in der deutschen Tristesse des Aprils, und auf einmal wachten wir in einer Region auf, die von Berberdörfern, abenteuerlichen Ksours, viel Wüste und wenigen Menschen geprägt ist.
Heute stand auf dem Plan, den südlichsten Punkt unserer Reise zu verlassen und langsam in Richtung Norden zu fahren. Auf dem Weg gab es abermals zahlreiche verlassene Berberdörfer zu bestaunen. Ich freute mich schon am Morgen wahnsinnig auf diesen Roadtrip, auf dem ich mein Indiana-Jones-Faible komplett ausleben konnte.
Im Süden Tunesiens hatte ich immer wieder das Gefühl, wirkliche Entdeckungen zu machen. Es war Abenteuer, aber auf eine angenehm bequeme Art.
Den Abend sollten wir in einem Hotel der besonderen Art verbringen. Und wieder einmal sollten wir uns darüber wundern, wie wenig Tourismus es in dieser wunderschönen Region gibt.
Auf dem Weg von Tataouine nach Matmata: Ein Roadtrip voller kleiner Entdeckungen
Nachdem wir uns von unserer unvergesslich netten Gastfamilie verabschiedet hatten und immer noch begeistert von den Begegnungen auf dem Markt von Tataouine waren, startete ich den Motor unseres Mietwagens. Gedanklich verabschiedeten wir uns von diesem tollen Ort.
Tataouine selbst war nicht wirklich schön, aber abermals haben die netten Menschen der Region diesen Ort für uns besonders gemacht. Und ja, auch hier wären wir gern noch ein paar Tage länger geblieben, um die Region noch besser kennenzulernen.
Bei einer Reisezeit von knapp einer Woche ist der Zeitplan jedoch ziemlich straff organisiert. Von daher ging es für uns nun in Richtung Norden. Denn auch heute sollten wieder jede Menge neue Abenteuer auf uns warten.



Guermessa: Ein Berberdorf zwischen Steinwüste und Bergen
Schon als wir die Stadttore von Tataouine nur wenige Kilometer hinter uns gelassen hatten, waren wir erneut von der unbeschreiblich schönen und kargen Landschaft begeistert. Unser erstes Ziel sollte das langsam verfallende Berberdorf Guermessa sein.
Am Abend zuvor hatte unsere Gastfamilie von diesem kleinen Dorf geschwärmt und sich gefreut, dass wir es auf unserem Plan hatten. Sie sagten uns auch, dass sich dieses Dorf trotz seiner Schönheit nicht viele Reisende ansehen würden. Ich selbst kann mir das überhaupt nicht vorstellen. Aber gut, umso besser für uns. Wahrscheinlich würden wir auch heute wieder nur wenige andere Reisende treffen.
Aus diesem Dorf sind wohl erst Anfang der 2000er Jahre die letzten Menschen weggezogen. Ob der Ort vor knapp 20 Jahren tatsächlich noch bewohnt war, konnten wir natürlich nicht beurteilen. Heute kann man sich hier eine ebenfalls weiß getünchte Moschee ansehen und einen kleinen Snack in einem Café einnehmen. Bei uns war das Café leider geschlossen.






Auch hier konnten wir durch das verlassene Dorf laufen und uns viele alte Steine anschauen. Es ist für mich jedes Mal beeindruckend, wie hier vor vielen Jahrhunderten Menschen gelebt und ihren Alltag verbracht haben. Die Landschaft ist wunderschön, aber genauso lebensfeindlich. Steinwüste und karge Berge, die an das Monument Valley in den Vereinigten Staaten erinnern, prägen die Umgebung. Über diese Landschaft ließ ich meine Blicke nur zu gern schweifen.
Auch hier gibt es viele Ksours, also Speicherburgen, zu sehen. Die Menschen haben in einfachen Steinhäusern und Felshöhlen gelebt. Das Leben selbst muss hier sehr hart gewesen sein, egal ob im durchaus kalten Winter oder in der heißen Hitze des Sommers.
Guermessa ist ein wirklich sehenswerter kleiner Ort, den ich mir jederzeit wieder ansehen würde.
Ksar Haddada: Ein Ksar mit Filmgeschichte
Dieses Ksar war die erste Sehenswürdigkeit, bei der wir allerhand Touristen trafen und auch einen kleinen Eintritt zahlten. Vor allem Ersteres lag wahrscheinlich nur daran, dass kurz nach unserem Ankommen ein Reisebus mit vielen Schülerinnen und Schülern aus Frankreich eintraf. Sie hatten offensichtlich den gleichen Plan wie wir: das Ksar Haddada besuchen.
Das Ksar hat eine ähnliche Historie wie andere Speicherburgen der Region. Die Menschen lebten hier lange als Bauern und Viehzüchter, zogen mit ihren Tieren umher und lagerten ihre Vorräte in den typischen Speichergewölben, den Ghorfas des Ksars.
Der Unterschied zu anderen Ksour ist jedoch, dass dieses Ksar als Filmkulisse für mehrere Star-Wars-Filme diente. Dadurch ist es wohl deutlich bekannter, gut besucht und auch in einem sehr gepflegten Zustand. Es beherbergt nicht nur zahlreiche Speicherkammern, sondern auch einen Shop und ein Restaurant.
Durch die Restauration ist es vielleicht nicht das authentischste Ksar. Durch seine Popularität ist es vielleicht auch nicht das idyllischste. Aber ein Besuch hat sich trotzdem gelohnt.






Ksar Jouamaa: Eine unerwartete Begegnung
Eigentlich wollten wir dieses Ksar aus Zeitgründen weglassen. Dann sahen wir jedoch, dass es nur zehn Minuten von unserer Route entfernt liegt, und schon war es wieder eine Option.
Ich setzte also den Blinker und wir verließen unsere Hauptroute. Schon bald sahen wir das Ksar von Weitem. Es thronte auf dem Gipfelplateau eines kleinen Berges. Bereits aus der Ferne konnte man die Speicherburg mit ihren verschiedenen Gewölben erkennen.
Die letzten Meter der Anfahrt waren wirklich steil. Schon bald machte sich jedoch Enttäuschung in uns breit. Anscheinend war das Ksar geschlossen und der Weg mit einer Kette versperrt.
Unsere Enttäuschung währte allerdings nicht lange. Ich hatte kaum den Motor gestoppt, da kam schon ein älterer Herr auf uns zugelaufen. Wir ahnten sofort, dass er uns sagen wollte, dass das Ksar geschlossen sei und wir es nicht besuchen könnten.
Bei erfahrenen Reisenden gehen in so einem Moment sicherlich schon die Scam-Alarmglocken an. Bei mir schlugen sie auch schon laut auf. Auch wenn wir uns nicht wirklich verstanden, gab mir der Mann zu verstehen, dass er mir das Ksar trotzdem zeigen könne. Ich fand das eine gute Idee und wusste natürlich, dass er mich nach der kleinen Führung wahrscheinlich um ein überhöhtes und unverschämtes Trinkgeld bitten würde. Ich war vorbereitet.



Ich nahm meine Kamera mit, setzte mein Basecap auf, um meinen Kopf vor der schon recht intensiven Sonne zu schützen, und kletterte mit dem Mann über die Kette.
Gemeinsam liefen wir in Richtung des Ksars. Er erzählte mir in gebrochenem Französisch, dass dieses Ksar in der jüngeren Vergangenheit ein Hotel gewesen sei. Auf dem Gelände gab es ein Schwimmbad, eine Moschee, ein Restaurant und eine Aussichtsplattform mit einem wirklich schönen Blick auf die Umgebung.
Der Mann war sehr nett. Obwohl wir uns sprachlich fast nicht verständigen konnten, passte die Chemie zwischen uns. Als die kleine Führung zu Ende war und wir wieder am geparkten Auto ankamen, stellte ich mich innerlich schon auf abenteuerliche Verhandlungen ein. Insgeheim freute ich mich sogar darauf, vielleicht neue arabische Schimpfwörter zu lernen, die er uns hinterherrufen würde.
Es kam jedoch unerwartet anders. Der Mann verabschiedete sich von mir und fragte kein einziges Mal nach Trinkgeld. Er bedankte sich bei mir und ich bei ihm. Natürlich wollte ich mich nicht undankbar zeigen, denn er hatte mir wirklich einen guten Überblick über das Ksar gegeben. Außerdem waren es einfach angenehme 15 Minuten, die ich mit ihm verbracht hatte.
Und natürlich gab ich ihm ein gutes Trinkgeld und bedankte mich abermals auf Arabisch und Französisch für die angenehme Führung. Danach verabschiedeten wir uns nochmals voneinander. Ich bin froh, dass ich über dieses Erlebnis und diese Begegnung schreiben kann.
Was mich jedoch noch lange nachdenklich machte, war der Gedanke, dass dieser Mann wahrscheinlich den ganzen Tag auf dem Berg sitzt und versucht, Reisenden verbotenerweise das Ksar Jouamaa zu zeigen. Ich weiß nicht, ob er bei jedem seiner Gäste so bescheiden ist und nicht nach einem kleinen Lohn fragt. Für mich war es jedoch eine Perspektive, die ich selbst nicht gern haben möchte. Gern hätte ich mehr über seine Person und sein Leben erfahren. Vielleicht war es aber auch einfach Glück, dass er gerade hier oben war. Vielleicht war es Zufall, dass wir ihn trafen.



Ksar Hallouf: Im Staub der Reisegruppen
Mit diesen Gedanken im Hinterkopf setzten wir unseren Roadtrip fort und besuchten das nächste Ksar. Das Ksar Hallouf reihte sich für uns jedoch nicht in die Reihe der wirklich sehenswerten Ksours ein.
Auch dieses Ksar liegt auf einem kleinen Hügel, versprühte für uns aber einen ganz sonderbaren Vibe. Vielleicht lag es daran, dass gerade eine Speed-Traveller-Reisegruppe mit mehreren SUVs angekommen war und das ganze Ksar in eine einzige Staubwolke gehüllt hatte. Diese Gäste bekamen dann im Café des Ksars ein paar Getränke serviert, bevor sie schnell wieder verschwanden.
Anscheinend kommen hier regelmäßig Reisende vorbei, denn es gab zwei oder drei Männer, die uns mehrfach und recht aufdringlich eine Tour durch das wirklich überschaubare Ksar anboten.
All das nahm uns ein wenig die Lust auf diesen Ort, obwohl er wirklich schön gelegen ist. Aber was soll’s? Wir hatten an diesem Tag bereits sehr schöne Ksours gesehen und schließlich noch ein tolles Ziel vor Augen.




Toujane: Wo fast jedes Haus Honig verkauft
Unser Ziel für diesen Tag hieß Matmata. Der Ort lag noch gut 90 Minuten von uns entfernt, und bei all den abenteuerlichen Unternehmungen an diesem Tag war es schon wieder recht spät geworden.
Der Weg nach Matmata auf der Straße C104 ist wirklich wunderschön. Wir hatten das große Glück, dass wir im Licht der nahenden Dämmerung unterwegs waren. Die Landschaft und die kleinen Orte waren in wunderschönes Licht gehüllt.
Ungefähr auf halbem Weg kamen wir an Toujane vorbei. Dieser Ort ist bekannt für seinen Honig. Wir stoppten noch vor dem Ort und kauften jede Menge Honig direkt vom Imker. Hier konnten wir uns die Bienenstöcke ansehen und gleich daneben den Honig kaufen.
Im Ort selbst hat man ebenfalls in nahezu jedem Haus die Möglichkeit, Honig zu kaufen.




Matmata und seine Troglodyten-Häuser
Am frühen Abend kamen wir in Matmata an und bezogen ein Zimmer in einem sogenannten Troglodyten-Haus-Hotel. Während in Bergdörfern wie Chenini oder Douiret die Troglodyten-Häuser der Berber nahezu horizontal in die Felsen geschlagen wurden und eher klassischen Höhlen ähneln, wurden die Häuser in Matmata fast senkrecht und bis zu zehn Meter tief in die Erde gebaut.
Das hat mehrere Vorteile. Einerseits kann man von außen kaum erkennen, dass die Region überhaupt bewohnt ist. Die Bewohner waren somit relativ sicher vor Angriffen fremder Stämme. Andererseits sind diese Erdhäuser bestens an die klimatischen Bedingungen dieser Region im Süden Tunesiens angepasst. Im Sommer erhitzen sich die Räume nur sehr langsam und bleiben lange kühl. Im Winter hingegen ist man in diesen Häusern gut vor der Kälte dieser rauen Bergregion geschützt.





Eine Begegnung im Erdhaus
Am nächsten Morgen liefen wir einfach querfeldein durch die ländlichen Teile Matmatas und entdeckten allerhand dieser Troglodyten-Häuser. Auf den ersten Blick sind die Erdhäuser wirklich nicht zu erkennen. Irgendwann steht man jedoch plötzlich vor einem riesigen, kraterähnlichen Loch. Wenn man hinunterblickt, sieht man einen Hof mit all den Dingen, die auch in jedem klassischen Hof stehen könnten: Wäscheständer, Blumentöpfe, Vorräte oder ein Brunnen. Und tatsächlich sah es bei einigen Troglodyten-Häusern so aus, als würden sie noch bewohnt werden.
Viele Erdhäuser wurden jedoch nur noch als Ställe für das Vieh genutzt, während die Menschen selbst inzwischen in klassischen Häusern wohnten. Wir hatten das große Glück, dass uns eine Frau, während wir planlos durch Matmata irrten, zu verstehen gab, dass wir uns gern ihr Erdhaus anschauen könnten.
Sie schloss die Tür auf und zeigte uns stolz jeden Raum. Ihr Erdhaus nutzte auch sie nur noch als Abstellplatz oder als Stall für ihre Tiere. Dennoch konnte man sich gut vorstellen, wie die Menschen in der Vergangenheit in diesen besonderen Häusern gelebt haben.
Diese Begegnung war abermals eine ganz besondere Bekanntschaft. Auch wenn wir uns sprachlich nicht wirklich unterhalten konnten, hatten wir doch eine erstaunlich gute Konversation mit Händen, Füßen, ein paar Brocken Arabisch und Französisch. Und auch diese Begegnung war wieder komplett vom Zufall bestimmt.








Ein Museum als Hidden Gem
Eine ebenso zufällige Bekanntschaft war die mit dem wahrscheinlich einzigen Mitarbeiter des Museums von Matmata. Er behielt uns schon eine ganze Weile im Auge. Ich kannte ihn bereits vom Vortag, denn da hatte er uns schon gefragt, ob wir sein Museum besuchen wollten. Dankend lehnten wir damals noch ab.
An diesem Morgen waren wir aber gut drauf und fragten uns: Warum sollten wir ihm nicht zusagen und sein kleines Museum besuchen?
Und was soll ich sagen? Das Museum ist ein wirklicher Hidden Gem. Die Führung dauerte ungefähr 20 Minuten und kostete knapp zwei Euro pro Person. Er zeigte uns jeden Raum des Troglodyten-Hauses. Die Räume waren klassisch nach ihren Funktionen eingerichtet, zum Beispiel als Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche oder Vorratskammer. Der nette Guide gab sich große Mühe, uns alles auf Englisch zu erklären. Es war wirklich ein nahezu freundschaftlicher Besuch. Und auch hier waren wir die einzigen Touristen, die das kleine Museum besuchten.




Als wir Matmata verließen, dachten wir nicht zum ersten Mal in Südtunesien, dass dies wieder so ein Ort ist, an dem wir gern länger geblieben wären. Gern hätten wir unser Hotelzimmer noch ein, zwei Tage behalten und uns noch ein wenig die Umgebung von Matmata angesehen. Ich denke, wir hätten hier noch einige kleinere Orte mit Troglodyten-Häusern entdecken können.
Aber gut, die Lust auf neue Abenteuer trieb uns weiter. Heute sollte es zu den Ausläufern der Sahara gehen. Auf dem Plan stand endlich wieder eine Übernachtung in der Wüste, bevor wir in den Oasenort Tozeur aufbrechen wollten.




