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Es ist überall schön – auch in dem türkischen Ort Mardin

Während sich dieser verregnete Dezemberabend so langsam dem Ende neigt und die Nacht in den Startlöchern steht, sitze ich auf dem gemütlichen Sofa, lasse weihnachtlichen Jazz laufen und blicke auf die Bildbände meiner vergangenen Reisen. Ich schweife mit meinem Blick von Buch zu Buch, von Reiseland zu Reiseland, von Lebensjahr zu Lebensjahr.

Mir fällt dabei auf, wie sich mein Reisen verändert hat. So war es mir in meinen zwanziger Jahre wichtig, Highlights zu sehen, egal ob landschaftliche oder kulturelle Hotspots. Heute begeistert mich es, das Leben der Menschen kennenzulernen.

So simple es klingen mag: Irgendwann ist mir aufgefallen, dass alle Menschen auf unserem wunderbaren Planeten leben. Sie leben ihr Leben – genau an dem Ort, wo sie wohnen, egal welcher Ort es ist. Sie leben ihren Alltag. Jeden Tag. Seitdem mir dieser Gedanke kam, ist es mir fast egal, wohin ich reise. Ich habe vor jeder Reise das Ziel, eine andere Lebensrealität kennenzulernen.

Aus diesem Grund ging es für uns nach Mardin, in den Südosten der Türkei – noch vor dem schrecklichen Erdbeben im Februar 2023. Ich kannte diese Gegend vor der Planung der Reise überhaupt nicht. Und ist das nicht die beste Motivation, eine Reise zu unternehmen? Für mich: Ja!

Warum reisen wir ausgerechnet nach Mardin?

Auf genau diese Fragen wollte mein damals noch lebender Opa eine Antwort haben. Er war noch nie ein Freund großer Freund des Reisen und ihm fehlte jegliches Verständnis, freiwillig in solche Regionen zu reisen. Kurdistan, Syrien oder Irak sind nur drei Begriffe, die in vielen unserer Köpfe (meist) negative Bilder hervorrufen. Genau diese Bilder schossen wohl meinem Großvater in den Kopf, als ich ihm vom Flughafen in Istanbul eine Nachricht geschickt habe, dass wir unseren Anschlussflug in den Südosten der Türkei bekommen haben.

Bis dahin wusste er nur, dass wir irgendwo in die Türkei fliegen und irgendwann auch in Istanbul sind. Das war für ihn okay. Istanbul kannte er aus den Nachrichten und viele seiner Bekannten waren schon einmal für einen Urlaub in der Türkei. Türkische Riviera. 3-Sterne-Hotel. Günstig. All inclusive. Nett sind sie im Hotel auch. Kann man nicht meckern.

Ich wusste, dass er sich nach meiner Nachricht große Sorgen machte. Zum Ausdruck brachte er dies mit den geschriebenen Worten: „Du spinnst doch!“ und ein paar Minuten des Schweigens später empfing ich die zweite Nachricht: „So etwas habe ich noch nicht gehört. Da würde mir ja ‚was fehlen. Guten Flug.“

Aber woher sollte er es denn auch wissen. Er hat in seinen letzten Jahren die Lebensrealität seiner Straße nicht mehr verlassen. Sein Leben spielte sich auf seiner Straße, die ungefähr 15 Häuser umfasst, ab. Große Reisen konnte er nie unternehmen. Die Ferne waren für ihn die Südtiroler Alpen. Er hatte nicht die Möglichkeit, fremde Kulturen kennenzulernen.

Im Nachhinein versuchte ich ihm zu erklären dass überall auf der Welt gelebt wird und alle Menschen ihrem Alltag nachgehen. Egal wie dieser Alltag aussehen mag. Aus meinen Erzählungen hörte er heraus, dass wir auch in Mardin nette Menschen kennenlernten und wir dort ganz normal leben bzw. reisen konnten. Die Reisefotos nach der Reise hat er immer mit großen Vergnügen angesehen.

Die Anreise in eine fremde – aber schöne – Welt

Wie kommt man nach Mardin? Am schnellsten natürlich mit dem Flugzeug. Wir sind von Berlin nach Istanbul geflogen und haben dort wir den nächsten Flug nach Mardin genommen.

Leider hatten wir nicht auf dem Schirm, dass wir in Istanbul erst in die Türkei einreisen mussten. Das heißt, wir mussten durch die Passkontrolle und danach unser Gepäck abholen, bevor wir wieder einchecken mussten. Trotz einem sehr kurzen Layover haben wir es jedoch (mit rennen und auch ein bisschen vordrängeln) geschafft, das Gate für den Anschlussflug rechtzeitig zu erreichen.

Kurz vor dem Start habe ich noch schnell die türkische SIM-Karte aktiviert und schon befanden wir uns in der Luft. Durch diesen Stress auf dem Flughafen, habe ich zu diesem Zeitpunkt nach gar nicht richtig realisiert, das ich nicht nur in der Türkei bin, sondern gerade auf dem Weg bin, an die türkisch-syrische-Grenze zu fliegen. Die Spannung, die Erwartung und vielleicht sogar die Anspannung stieg.

Der Flug quer über die Türkei war wunderschön. Zur Hälfte des Fluges eröffnete sich vor uns eine riesige, karge und schroffe Bergwelt. Teils waren die Spitzen verschneit, teils trafen meine Blicke eine braun-felsige Gebirgslandschaft. Es war einfach wunderschön und so anders im Vergleich zu unseren Alpen. Es hat mir sehr gefallen.

In solchen Momenten neige ich oft dazu, mir diese Situationen so kitschig wie möglich zu gestalten, um sie möglichst lang in Erinnerung mit mir tragen zu können. Also legte ich mir türkische Musik auf die Ohren und bestaunte die Landschaft im Licht der untergehenden Sonne.

Als die Sonne komplett untergegangen war. Die Lichter am Boden immer weniger wurden, setzte der Airbus A321 zur Landung an und auf einmal hatte ich türkischen Boden unter meinen Füßen. Die Luft roch fremd, die Temperatur fühlte sich angenehm mild an und der Flughafen war sehr überschaubar. Auf ging es in ein neues Abenteuer!

Und was gibt es in Mardin zu erleben?

In Mardin angekommen brach mein ganzes Gerüst, welches aus meinen Erwartungen und Vorstellungen erbaut wurde, zusammen. Ich dachte, wir fahren an die syrische Grenze, auch die Grenze in den Iraq ist nur einen Katzensprung von uns entfernt und überhaupt, wird es in diesem Teil der Türkei ganz wild sein.

Klar, habe ich vorher recherchiert und konnte schon aus so manchen Blogpost herauslesen, dass Mardin für viele die wohl schönste Stadt bzw, Städtchen der Türkei ist, aber so richtig vorstellen konnte ich es mir nicht.

Wie gesagt, mein Gerüst aus meinen Erwartungen brach zusammen, da Mardin wunderschön ist. Es ist einfach ein wunderschöner, gepflegter Ort. By the way: Unter den Türkinnen und Türken ist Mardin ein sehr beliebtes Reiseziel. In Mardin gibt es schon allerhand Tourismus. Es ist ein Ort zum wohlfühlen.

Das touristische Leben findet auf der Straße 1. Cadde statt. Auf dieser Straße hatten wir unser Hotel und es befinden sich allerhand Shops und sehr leckere Restaurants an der Hauptstraße des Zentrums. Natürlich lohnt sich auch ein Blick in die zahlreichen Seitengassen.

In Richtung des Schlosses Mardin Kalesi befinden sich wunderschöne, enge Gassen. Gerade am Morgen lohnt es sich wirklich, durch die Gassen zu streifen und das Leben auf sich wirken zu lassen. Besonders zum Sonnenuntergang empfiehlt es sich, in Richtung des Mardin Kalesi aufzubrechen. Die Reste der Festung selbst kann man nicht besuchen, dieses Gebiet ist eine militärische Sperrzone, aber auf dem Weg dahin gibt es wunderschöne kleine Viewpoints, um den Blick nach Mesopotamien zum Sonnenuntergang zu genießen.

Es lohnt sich jedoch auch, die zahlreichen Souks zu besuchen. Am Tage lohnt es sich, um zu sehen, was auf den Märkten interessantes verkauft wird. Während der Morgenstunden ist ein Besuch des Markts ebenso lohnenswert, da man zu diesem Zeitpunkt gut beobachten kann, wie die Händler ihre Lieferungen bekommen, die Einwohner Mardins ihre Besorgungen erledigen oder die Kinder versuchen, noch pünktlich in der Schule anzukommen, in dem sie durch die vielen kleinen Gassen laufen.

Die touristischen Highlights des Ortes sind an einer Hand abzuzählen und an ihnen läuft man zwangsläufig vorbei, wenn man sich das Zentrum von Mardin ansieht. Es lohnt sich auf jeden Fall verschiedene Restaurants zu besuchen. Die Menschen sind hier sehr gastfreundlich, es schmeckt immer und man bekommt dies alles zu wirklich günstigen Preisen.

Die angesprochene Gastfreundlichkeit ist wirklich unbeschreiblich. Mir scheint es so, dass die Menschen zu uns Europäern nochmals netter gewesen sind. (Leider).
Anscheinend haben sie nur selten internationalen Tourismus in dieser Region und freuen sich desto mehr, wenn sich doch ein paar Europäer in ihrer Heimat verirren.

Mit den Mietwagen verlassen wir Mardin

In der Umgebung von Mardin gibt es kein wirkliches Highlight, verglichen mit dem Eifelturm oder der Akropolis oder auch Pompeji. Man darf jedoch nie vergessen, in welcher Region man unterwegs ist. Hier ist quasi jeder Stein auf dem Acker oder eine beliebige Wand in einem Dorf von hoher historischer Bedeutung. Wir sind in Nord-Mesopotamien unterwegs.

Südöstlich von Mardin ist Dara-Anastasiupolis, eine spätantike Festungsstadt, gelegen. Hier kann man deutlich sehen, wie die Menschen damals gelebt haben. Noch viele der antiken Bauten und Höhlen sind in einem guten Zustand.

Natürlich haben wir uns ebenfalls die syrische Grenze (von weitem) angesehen. Wann hat man dazu sonst einmal die Gelegenheit dazu? Denn ein großer Traum ist es für mich, einmal nach Syrien zu reisen.

Da wir noch ein wenig Zeit hatten, haben wir uns ebenfalls Midyat angesehen. Midyat ist nordöstlich von Mardin gelegen und eine größere Stadt. Hier bietet es sich an, durch die traditionellen Souks zu laufen und sich das neu-renovierte Zentrum anzusehen. Und wer hätte es gedacht? Auch hier kann man an jeder Ecke lecker essen.

Nach unserem Mittagessen in Midyat sind wir noch ein Stück weitergefahren und haben uns das Kloster Mor Gabriel angesehen. Dieses syrisch-orthodoxe Kloster ist eins der ältesten christlichen Kloster der Welt. Hier haben wir eine nette Führung erhalten. Die Führung durch das Kloster war auf türkisch. Wir hatten jedoch das große Glück, dass der junge Guide Englisch sprechen konnte. So hatten wir quasi immer unsere eigene Führung.

Auf dem Rückweg nach Mardin lohnt es sich, bei dem kleinen Dorf Gülgöze anzuhalten. Neben dem urigen Dorf gibt es ebenfalls eine kleine assyrische Kirche zu besuchen. Die Kirche wurde vor sagenhaften 1300 Jahren gebaut und hat eine große Bedeutung für die Assyrer.

Auch das Umland von Mardin ist wunderschön. Die Natur war im April grün und an jeder Ecke blühten die Pflanzen. Im Sommer hingegen ist es brutal warm und Herbst ist das Grün verschwunden und die ganze Landschaft wird von trockenen Brauntönen umhüllt. Es lohnt sich, diese Region zu bereisen.

Mit Demut reisen – das Camp der syrischen Kriegsgeflüchteten

Einen bewegenden oder auch viel eher einen schockierenden Moment erlebten wir, als an dem Camp der vor dem Krieg geflüchteten Menschen aus Syrien vorbeigefahren sind. Wir saßen in einem luxuriösen Kleinwagen, hatten einen deutschen Pass und haben die Möglichkeit, in jedes Land zu reisen, welches wir uns vorstellen können. In den meisten Ländern werden wir durch unsere Hautfarbe, unserem Pass und unserer Kreditkarte mit offenen Händen und freundlichen Gesten begrüßt.

Die Menschen, die im Camp vor Midyat lebten, war dies nicht vergönnt. Sie hielten sich innerhalb eines Stacheldrahtzauns auf und wohnten in einer kleinen Stadt – bestehend aus Containern. Ich weiß nicht, ob sie das Camp verlassen dürfen. Aber so wie der Eingang aussah, werden Tagesausflüge in das Umland des Camps nicht auf der Tagesordnung der Einwohner stehen.
Es ist schade, dass es nicht allen Menschen auf der Welt gleich vergönnt ist, sich frei zu bewegen, in Frieden leben und überall mit Respekt behandelt zu werden.

Diese Gedanken über die Ungerechtigkeit auf der Welt beschäftigen mich oft und lassen mich nicht selten emotional diskutieren. Wir verließen diesen Landstrich mit viel Demut über unser zufälliges Glück und begaben uns auf den Rückweg nach Mardin, um die letzten Tage diese schöne Stadt zu genießen, bevor es nach Istanbul gehen sollte.

Auch zu diesem schönen Fleckchen unserer Erde hat sich der Weg gelohnt. Vor allem die netten Menschen und ihr Lebensalltag lassen die Erinnerungen an diese Reise unvergesslich werden.

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