Soiernspitze (2257 m) – Ein Kindheitstraum geht in Erfüllung

Die Bergtour auf die Soiernspitze (Karwendel) stand schon sehr lang auf meiner To-Do-Liste. Genauer gesagt, faszinierte ich dieser Gipfel schon seit meine frühsten Kindheit. Dabei ist der Berg ist der Berg kein alpines Highlight. Es ist ein beliebiger Berg, der jedoch durch seine wunderschöne, pyramidenähnliche Nordseite einen besonderen Charme versprüht.

Aber erst zwanzig Jahre später, konnte ich diesen kleinen Traum in die Realität umsetzen und meinen Namen in das Gipfelbuch eintragen. In den Jahren davor gab es viele Rückschläge, Wanderungen, die viel zu früh endeten und Wanderungen, die anders verliefen als gedacht.

Eigentlich dachte ich, dass dies ein ganz normaler Bericht einer Bergtour wird. Aber gerade beim Schreiben des Textes merke ich, dass sich dieser Text in eine ganz andere Richtung entwickeln könnte. Ich bin sehr gespannt, wie sich der Text entwickeln wird. Ein Klick auf „Weiterlesen“ lohnt sich somit allemal.

Erstkontakt mit der Soiernspitze

Meine Großeltern nahmen mich in meiner Kindheit sehr gern auf Bergurlaub in das Karwendelgebiet. Hier sollte es auch geschehen: Ich hatte meinen Erstkontakt mit dem pyramidengleichen Gipfel – damals jedoch nur aus der Ferne. Für mich war es damals der Mount Everest der Karwendels.

Ich hatte keine Ahnung, wie hoch der Gipfel ist oder wie man auf den Gipfel kommen könnte. Auf jeden Fall wuchs von diesem Zeitpunkt meine Faszination für die Soiernspitze

Pleiten, Pech, Pannen und drei Brote

Mit 18 Jahren – den Führerschein frisch in der Tasche – ging es mit dem gebrauchten Mazda 323 ab in die Alpen. Das Ziel hieß natürlich: das Soierngebirge. Der japanische Golf war vollgeladen mit Rucksäcken und Sachen, die man überhaupt nicht in der Masse braucht, wie wir sie gekauft haben. Zum Beispiel: 3 Brote, 2 kg Pasta und Badelatschen. Naja, wir waren jung und hatten Hunger.

In unserer Naivität waren wir davon überzeugt, wir könnten die Tour auch im verschneiten Frühjahr gehen. Der Startpunkt war der Wanderparkplatz an der Isar in Wallgau. Der erste Anstieg ließ nicht lang auf sich warten und wir wunderten uns, wie schwer sich ein Rucksack mit 3 Broten anfühlen kann. Die drei Brote freuten sich natürlich von der Aldi-Brottheke auf über 2000 m getragen zu werden. Am Ende der Tour packten wir die drei Brote unverzehrt ins Auto zurück.

Unser erstes Nachtlager schlugen wir bei den Soiernseen auf. Aber schon hier merkten wir, dass einfach zu viel Schnee in dieser Höhe liegt. Es wäre fahrlässig gewesen, mit unserer Ausrüstung sowie mit den Broten weiterzulaufen. Also ging es nach einer frostigen Nacht wieder talwärts.

Aber keine Sorge, ich komme wieder.

Der Berg rutscht in unerreichbare Ferne

Im Studium war der schmale Taler bei mir wirklich knapp. Somit schob ich diese Tour immer wieder vor mir her. Getreu dem Motto: Der Berg läuft ja nicht weg.

Mit 23 Jahren wurde ich jedoch schwer krank. Somit rutschte die Tour auf einmal in eine Ferne, in welcher sie vorher noch nie war. Ich wusste lange Zeit nicht, ob ich den Berg jemals in meinem leben wiedersehen würde oder ob ich die Chance darauf für immer verspielt habe.

In einer Phase der Behandlung, in welcher es der Therapieplan zeitlich zugelassen hat und es mir halbwegs gut ging. Schnappte ich mir meinen besten Freund und es ging wieder ab in Richtung Süden. Das Ziel war klar: Das Soierngebirge. Leider war ich nicht fit genug für eine Bergtour, aber dennoch konnten wir ein paar Schritte im Gebirge gehen und die Berge aus dem Tal genießen.

Die Chance, den Gipfel zu sehen, gab es von Beginn der Reise natürlich nicht. Aber ich sah die Berge und war somit wieder motiviert, die anstehenden gesundheitlichen Prüfungen zu überstehen und gute Augenblick für düstere Momente zu sammeln.

Neues Leben, neue Touren und neue

Das Leben hat mir eine neue Chance geschenkt und somit folgten neue Versuche, mich dem Gipfel zu nähern. Dabei unternahm immer tolle Touren, aber der Gipfelerfolg blieb stets aus. Unvergessen werden mir drei Touren in Erinnerung bleiben.

Das Blasen-Fiasko

Beim ersten Versuch rannte ich viel zu spät, mit viel zu schweren Schuhen, viel zu schnell den Berg hoch. Dabei ging es von Krün Richtung Seinskopf. Wer den Weg kennt, der weiß, dass sich der Pfad fast senkrecht den Berg hinauf schlängelt. Das Ergebnis war: zwei riesengroße Blasen an den Fersen und ein Abbruch am Seinskopf.

Die Brotzeit-Affäre

Ebenfalls unvergessen ist die Tour mit meinem Berg-Buddy. Der Fehler begann bei diesem Versuch ebenfalls schon vor der Tour. Diesmal waren wir in Sachen Ausrüstung gut ausgestattet. Aber im Rucksack befand sich ebenfalls Wein, Wurst und Käse. Du erkennst den Fehler?
Leider übertrieben wir es bei unserer ersten Pause und blieben einfach auf der Bergwiese am Seinskopf liegen. Wir quatschten, aßen unseren Proviant, tranken natürlich einen kleinen Schluck Wein und genossen einfach den schönen Tag. Die Wolken zogen an uns vorbei, die ambitionierten Wanderer ebenfalls. Als es dann schon viel zu spät war, blieben wir einfach sitzen und ließen ab von unseren Gipfelbestrebungen.
Uns wurde dann klar, dass wir gar nicht weiterlaufen bräuchten, sondern wieder zurück ins Tal stolperten.

Die Soiernseen-Runde

Diese Tour ist ausnahmsweise nicht durch ein Missgeschick geprägt. Die Tage zuvor bin ich viel mit dem Rad unterwegs gewesen und somit waren meine Beine nicht die fittesten Flossen. Aber was soll’s! Die leichten Schuhe waren am Start, das Wetter war tiptop und ich hatte richtig Bock, zu wandern.

An sich habe ich bis zum Abzweig immer noch mit dem Gedanken gespielt, die ca. 2 Stunden Umweg in Kauf zu nehmen und auf die Soiernspitze zu laufen.

Am Abzweig selbst, entschied ich mich jedoch für den Abstieg über die Schöttlkarspitze, zum Soiernhaus und danach zurück nach Wallgau.

Meine Entscheidung war für diesen Tag perfekt. Ich genoss die Runde und das wundervolle Panorama, welches die Runde zu bieten hat. Nach einer Spezi auf der Soiernhütte ging es mit unendlich vielen Eindrücken zurück in’s Tal.

Der Tag der Tage kam und ich lief auf die Soiernspitze

Der Tag begann – wie dieser Blogpost über diesen Gipfel: Ganz anders als erwartet. Am Abend zuvor bin ich im Regen auf dem Isarparkplatz in Wallgau angekommen und hatte keine Hoffnungen, dass ich dieses Mal einen Gipfelerfolg haben werde. Aber gut daran war ich gewöhnt und von daher machte ich mir keine Sorgen.

In dieser Caddy-Nacht schlief ich sehr unruhig. Mir gingen viele Gedanken über die morgige bzw. heutige Tour durch den Kopf.

Nach viel wenig Schlaf klingelte der Wecker und es hieß „Aufstehen“. Ruckzuck habe ich mich aus dem warmen Schlafsack gepellt. Der erste Blick nach dem Aufstehen ging nicht auf das Smartphone sondern auf den wolkenbedeckten Himmel. „Keine Spur von den Bergen. F*?$CK!“, war mein erste Gedanke, als mein Blick Abstand vom Himmel nahm.

Aber was soll’s. Das heutige Motto ist: „Heute gibt es keine Ausreden!“ Ich war fit, der Rucksack gepackt und das Frühstück war schon vorbereitet. Ich musste mich nur noch anziehen. Den Parkautomat mit Kleingeld füttern und den Caddy abschließen. So geschah es dann kurz 6 Uhr.

Die ersten Meter verliefen flach. Auf dem Weg von Wallgau nach Krün frühstückte ich im Gehen. An der Krüner Isarbrücke nahm ich den schmalen und steilen Pfad, welcher zur Schöttlkarspitze führt.

Je öfter ich den steilen Pfad zum Seinskopf und zur Schöttlkarspitze laufe, desto kürzer kommt er mir vor. Anfangs startete ich noch im Nebel, später zeigten sich die ersten Gipfel vom Wetterstein- und Zugspitzmassiv. Es war nass. Aber es roch vertraut. Die Tropfen hingen an jedem Grashalm und Laubblatt. Der Wasserdampf stieg mit den vereinzelten Sonnenstrahlen empor. Meine Gedanken kreisten um die letzten Touren, die auf diesem Weg stattgefunden haben. Wie viel hat sich doch in der Zeit der zahlreichen Touren in meinem Leben verändert? Das Leben spielt schon ein verrücktes Spiel. Gedankenverloren und mit Schweißperlen am gesamten Körper ging es Meter für Meter der wunderschönen Bergwelt entgegen.

Ab dem Seinskopf beginnt der wirklich schöne Teil der Tour. Man ist nun mitten in einer Bergwelt, welche aus (noch) grünen Gipfeln besteht und wahnsinnig schöne Ausblicke bietet. Diese Ausblicke hatte ich heute nicht, da das alpine Panorama mit schweren Wolken behangen war. Die vorbeischwebenden Wolkenbänder gab dem 2000 m hohen Bergpanorama einen ganz wunderbaren Charme.

Was es aber zahlreich zu bestaunen gab, waren unheimlich viele Gämse. Abwartend beobachteten sie mich und ich sie. Sobald der Sicherheitsabstand zwischen uns zu gering wurde, verschwanden sie in eleganten Sprüngen in den weiten der Berge. Schon bei einer meiner letzten Wanderung habe ich direkt nach dem Seinskopf zahlreiche Gämse gesehen. Das sind die Vorzüge, wenn man zeitig und auf einsamen Gebirgspfaden unterwegs ist.

Der Weg zur Soiernspitze verläuft nun erst einmal etwas entspannter. Die Beine können sich von den letzten 1000 Höhenmetern erholen. Es geht in Richtung Feldernkreuz. Von hier zweigt der Weg für meinen Rückweg über die Schöttlkarspitze ab. Im leichten bergauf und bergab passierte ich erst den Feldernkopf, später den Soiernscheid und die Reißende Lahnspitze konnte ich natürlich nicht auslassen.

Von nun an sah ich den Gipfel meiner Kindheit immer vor mir. Manchmal ganz klar, manchmal verschwand die Soiernspitze im Nebel. Schritt für Schritt näherte ich mich jedoch dem Gipfel, welchem ich so viel Bedeutung in meinem Leben gebe.
Die letzten Meter vor dem Gipfelanstieg führen die Bergfreunde über einen wunderschönen Grat. Ich kann mir die fantastische Aussicht bei Sonnenschein leider nur vor meinem geistigen Auge vorstellen.

Endlich auf dem Gipfel angekommen

Und schon war es soweit: Die Beine glühten nach dem Endspurt auf den Gipfel, das Gefühl des „endlich Angekommens“ war fantastisch. Ich genoss es einfach auf dem Gipfel zu stehen und bestaunte die vorbeiziehenden Nebelschwaden.

Nach so vielen Jahren war ich nun endlich auf dem Gipfel meiner Kindheit angekommen und konnte das Gefühl auf mich wirken lassen.
Ich war unheimlich dankbar, dass ich an diesem Tag die Bergtour unternehmen konnte und nun auf dem Gipfel stand. Vor knapp einem Jahrzehnt hätte ich dies durch meine gesundheitliche Verfassung in keiner Weise schaffen können. Es stand generell in den Sternen, ob ich jemals wieder die Berge sehen könne.

Voller Dankbarkeit schwelgte ich in Erinnerungen und sah die zahlreichen Versuche vor mir, mit meinen Füßen an diesen Ort zu kommen. Jeder dieser misslungenen Versuche hinterlässt wunderbare Erinnerungen, von welchen ich keine einzige missen möchte. Danke dafür!

Ciao Soierngebirge!

Auf meinem Rückweg in Richtung Schöttlkartspitze und den Soiernseen dachte ich, dass ich nun das Spiel „Soierngebirge“ eigentlich ziemlich gut durchgespielt habe. Es wird nun Zeit für neue Abenteuer in einem anderen kleinen Gebirge.

Voller Freude und voller Stolz ging es durch die spektakuläre Scharte zur Schöttlkarspitze. Von hieraus eröffnet sich das wunderschöne Antlitz der Soiernspitze ein weiteres Mal, bevor es auf schmalen Pfaden zurück in das Isartal geht.

In Wallgau angekommen, schreiten meine Füße quasi nach einer Pause. Knappe 30 km und zahlreiche Höhenmeter haben mich meine Füße an einen bedeutenden Ort meiner Kindheit geführt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Distanz27, 97 km
Höhenmeter1745 hm
Bewegungszeit5:50 Stunden
Daten zur Bergtour

Wie aus dem Mikrokosmos ein Makrokosmos wird …

Für mich war es eine emotionale Wanderung, die ich an einem Tag unternahm. Allein das Wetter zeigte sich am Morgen nicht gerade vielversprechend. Aber irgendwie wurde mein Durchhalten doch belohnt.
Ist dieser Tag nicht ein tolles Symbol für mein Leben? Es hatte vor zehn Jahren eine drastische Wendung bekommen, mit welcher ich in der Vergangenheit zu kämpfen habe und welche mich in dunklen Momenten immer wieder einholt.

Aber am Ende habe ich mein Ziel erreicht und bin von der Gutmütigkeit des Lebens sowie der Natur mir gegenüber überrascht – wenn nicht sogar belohnt – worden. Dafür bin ich dankbar. Merci, Thank you und Grazie!

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