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Von einem Röhrenfernseher bis nach Manhattan: Meine persönlichen Erinnerungen an den 11. September 2001

Wie jedes Jahr jährten sich auch dieses Jahr die Terroranschläge vom 11. September 2001. Spätestens an diesem Tag denke ich an meine beiden vergangenen Reisen nach New York zurück.

Ich weiß nicht, was es ist, aber irgendetwas in mir oder meiner Vergangenheit löst eine wahnsinnige Faszination für diese Stadt aus. New York ist für mich immer noch ein Sehnsuchtsziel. Ich liebe diese Stadt einfach. Ich liebe ihre Vielfalt und ich liebe es, in einer Umgebung zu sein, die so ganz anders ist als mein Alltag.

Und spätestens am 11. September eines jeden Jahres sind die Mediatheken und meine YouTube-Abo-Box voll mit Reportagen und Dokumentationen über New York. Über ein New York in seinen finstersten Stunden und über ein New York, das sich seit dem 11. September 2001 verändert hat und trotzdem irgendwie sich selbst treu geblieben ist.

In diesem Blogpost möchte ich meine Erinnerungen daran festhalten, wie ich diesen Tag verbracht habe und welche Berührungspunkte ich danach immer wieder mit dem Big Apple hatte.

Als aus einem normalen Dienstag plötzlich Geschichte wurde

Alle Menschen, die älter als ich sind oder zu meiner Generation gehören, wissen wahrscheinlich noch, wie sie diesen Tag verbracht haben und was sie in dem Moment taten, als sie von den Anschlägen erfuhren. Der spätere Verlauf des Tages sah vermutlich für viele Menschen ähnlich aus: Man saß vor einem Röhrenfernseher und verfolgte fassungslos die Berichterstattung. Bei mir war es das heimische Wohnzimmer gemeinsam mit meinen Eltern.

Beginnen wir jedoch von vorn: An diesem 11. September war, glaube ich, gar nicht so schönes Wetter. Ich verbrachte einen ganz normalen Schultag. Damals war ich 14 Jahre alt und besuchte vermutlich die siebte Klasse meiner Realschule. Am Nachmittag fuhr ich mit meiner Mutter zum Einkaufen in die rund zehn Kilometer entfernte Stadt. Wir kauften Lebensmittel ein und ich half ihr dabei. Natürlich immer mit der Hoffnung, dass für mich eine Kleinigkeit dabei raussprang.

Ich weiß jedoch nicht mehr, ob es während der Hin- oder Rückfahrt war, als wir im Radio hörten, dass ein Sportflugzeug in einen der Türme des World Trade Centers geflogen sei.

Ich nehme an, dass es auf der Rückfahrt gewesen ist, da wir zu Hause sofort den Fernseher einschalteten und die Katastrophe sahen. Ich meine auch, dass wir die Berichterstattung auf RTL verfolgten, als 17 Minuten nach dem ersten Einschlag das zweite Flugzeug in den Südturm flog. Das weiß ich jedoch nicht mehr genau. Es kann auch sein, dass sich meine eigene Erinnerung inzwischen mit dem kollektiven Gedächtnis unserer Gesellschaft vermischt hat. Schließlich hört man oft, dass viele Menschen den Einschlag der zweiten Maschine live im Fernsehen gesehen haben.

Wie auch immer. Auf jeden Fall verbrachten wir gemeinsam den Nachmittag und Abend vor dem Fernseher. Wir verfolgten die Berichte, doch letztlich gab es kaum Neuigkeiten. Es blieben diese grausamen Bilder, die uns alle lähmten.

Eins weiß ich jedoch noch: Ich machte mir an diesem Abend große Sorgen über das Weltgeschehen. Ich war total unsicher, wie die Welt am nächsten Morgen aussehen würde. Was würde passieren? Bricht ein neuer Krieg aus?

Mit diesen Gedanken schlief ich wahrscheinlich später als gewohnt ein und wachte am nächsten Morgen wieder in meinem kleinen, heilen Leben auf. In einer Welt, die sich jedoch komplett verändern sollte. Das war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst.

2004: Als ich plötzlich in Manhattan stand

Innerhalb der nächsten Jahre veränderte sich die Welt aus westlicher Sicht brutal. Es wurden Kriege gegen den vermeintlichen Terror geführt und die Menschen in Afghanistan und im Irak litten unermesslich unter den Konsequenzen westlicher Politik.

Ich selbst durfte im Alter von 16 Jahren durch einen verrückten Zufall nach New York reisen. Für mich war es der erste Langstreckenflug, das erste Mal, dass ich in die USA reiste und die erste große Reise ohne meine Eltern. Gemeinsam mit meinem besten Freund und einer Jugendreisegruppe entdeckten wir für eine Woche diese verrückte Stadt. Und ich bin mir sicher: Durch diese Reise wurde New York zu einem meiner Sehnsuchtsziele.

Mein Freund, mit dem ich unterwegs war, war bereits im Februar 2001 in New York gewesen und hatte mit seinem Vater sogar die Aussichtsterrasse auf den Twin Towers besucht. Für ihn war es somit die zweite Reise in die Metropole im Osten der USA. Und was soll ich sagen? Es waren für mich ganz besondere Tage. Ich bin dem Vater meines Freundes noch immer unendlich dankbar für diese Erfahrung, da ich diese Reise damals geschenkt bekommen habe.

Im Sommer 2004 war Ground Zero immer noch eine riesige Baustelle. Man konnte die Auswirkungen dieser Katastrophe in der Umgebung deutlich sehen. Es gab einfach noch unheimlich viele Baustellen. Damals besuchten wir auch eine Gedenkstätte, die später zum großen Museum ausgebaut werden sollte.

2024: Zurück in New York und plötzlich war dieses Gefühl wieder da

In den folgenden Jahren ebbte meine Begeisterung für diese Stadt nicht ab und für mich blieb es immer ein Traum, New York noch einmal zu besuchen. Als ich mit meiner Freundin auf Weltreise war, bot sich schließlich die perfekte Gelegenheit. Kommend von Hawaii war der Big Apple unsere letzte Station.

Vom JFK Airport fuhren wir mit der Bahn nach Manhattan. Hier stiegen wir um, um den Bus nach New Jersey zu nehmen. Kaum kamen wir aus dem Bahnhof heraus und ich sah die ersten Häuser Manhattans, hatte ich einen solchen Flashback, dass ich meinem Freund direkt ein Video schicken musste: Wir waren wieder in unserer Stadt.

Was soll ich sagen? Für mich hatte sich der Vibe der Stadt gar nicht verändert. Ich hatte immer noch dieselben Gefühle wie 20 Jahre zuvor, als wir die Stadt zum ersten Mal gemeinsam erkundet hatten.

Und natürlich kamen wir auch im Jahr 2024 mit dem Thema 9/11 in Berührung. Einerseits besuchten wir natürlich das neue und wirklich gute Memorial. Andererseits trafen wir mitten in Manhattan Ryan, der uns an einer Kreuzung sehr emotional von seinem 9/11 erzählte. Und das war noch einmal eine ganz andere Hausnummer, wenn dir ein Mensch diese grausamen Ereignisse aus seiner eigenen Perspektive schildert.

Mitten in Manhattan erzählt uns Ryan seine Geschichte vom 11. September 2001

Wir unterhielten uns eine ganze Weile an einer Kreuzung in Manhattan und kamen von einem Thema aufs nächste. Man merkte schnell, dass wir uns gegenseitig sympathisch waren und ehrliches Interesse an unseren Lebenswelten zeigten.

Rian lebte schon seit vielen Jahren in New York und arbeitet in der IT-Branche. Er besitzt eine der wenigen AirBnB-Lizenzen in Manhattan und lud uns spontan ein, kostenlos bei ihm zu wohnen. In einer Stadt, in der alles so teuer ist, eine großzügige Geste. Ein wenig enttäuscht schaute er allerdings, als wir ihm sagten, dass wir schon in zwei Tagen zurück nach Deutschland fliegen würden. Unsere Weltreise neigte sich dem Ende zu, und in vier Tagen begann für uns wieder der Alltag.

Im Laufe des Gesprächs erzählten wir ihm auch, dass wir am Vormittag das 9/11 Memorial und Museum besucht hatten. Er spürte, wie sehr uns dieser Ort bewegt hatte. Ich erzählte ihm, dass ich noch genau weiß, was ich an jenem Tag gemacht habe: Ich war mit meiner Mutter einkaufen – den Rest des Tages verbrachten wir wie gebannt vor dem Fernseher. Wir sahen live, wie das zweite Flugzeug in den Südturm flog. Es war ein Moment, den ich nie vergessen werde.

„Ich dachte, es sei ein Film.“

Auf unsere Frage, ob er damals schon in New York gelebt habe, antwortete er mit Ja – doch er war am 11. September 2001 nicht in der Stadt. Er reiste damals durch Kenia. Vor einem kleinen Café sah er auf einem Fernseher die Bilder des Anschlags und dachte zuerst, es handele sich um einen Hollywoodfilm. Keinen, den er kannte – aber einen, der offenbar in New York spielte und in dem ein Flugzeug ins World Trade Center flog. Erst beim genaueren Hinsehen wurde ihm klar, dass das keine Fiktion war, sondern brutale Realität.

Er konnte damals keinen Kontakt zu Freunden und Bekannten in New York aufnehmen – die Angst und Ungewissheit waren groß. Wie würde dieser Anschlag sein Leben und die Stadt verändern?

Eine Entscheidung rettet ein Leben

Später erfuhr er, dass ein guter Freund von ihm sich zum Zeitpunkt des ersten Einschlags bereits an seinem Arbeitsplatz befand. Das Flugzeug traf den Nordturm zwischen dem 94. und 98. Stockwerk – sein Freund arbeitete im 74. Stock, etwa 20 Etagen darunter. Der Alarm ging los, und die Menschen wurden aufgefordert, das Gebäude schnellstmöglich zu verlassen.

Über eine Stunde war er unterwegs nach unten. Als er das Erdgeschoss endlich erreicht hatte, teilte das Sicherheitspersonal den Menschen mit, dass die Lage unter Kontrolle sei – sie sollten per Aufzug zurück in ihre Büros fahren. Rians Freund wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass es ein Flugzeug gewesen war, das den Nordturm getroffen hatte. Er wusste auch nicht, dass bereits ein zweites Flugzeug den Südturm getroffen hatte. Er hatte keine Ahnung vom Ausmaß der Katastrophe.

Doch er hatte ein starkes Bauchgefühl. Er widersetzte sich der Anweisung und verließ das Gebäude endgültig – eine Entscheidung, die ihm das Leben rettete. Viele seiner Kolleginnen und Kollegen hatten dieses Bauchgefühl nicht und kehrten zurück in ihre Büros.

Draußen auf den Straßen rund um das World Trade Center wurde ihm das ganze Ausmaß der Anschläge bewusst. Chaos herrschte, niemand konnte begreifen, was da gerade geschah. Die Menschen waren verängstigt und wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten. Er selbst versuchte einfach, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und die Türme zu bringen – eine weitere Entscheidung, die ihm das Leben rettete. Keine 30 Minuten nachdem er das Gebäude verlassen hatte, stürzte der erste Turm ein. Eine riesige Staubwolke breitete sich über Manhattan aus und verwüstete diesen einst so lebendigen Stadtteil.

Erst in diesem Moment wurde ihm klar, welches unfassbare Glück er gehabt hatte – ein Glück, das fast 3.000 anderen Menschen an diesem Tag verwehrt blieb.

Was mir nach dem Gespräch mit Ryan geblieben ist

Ich denke sehr oft an das Gespräch mit Ryan und an seine Schilderungen über die Geschichte seines Freundes. Während der letzten Tage habe ich eine Dokumentation über 9/11 angesehen und die Überlebenden berichteten von einer ähnlichen Situation: Sie arbeiteten im 70. Stock. Ihnen wurde gesagt, sie bräuchten sich keine Sorgen zu machen und könnten weiterarbeiten. Die Glücklichen hörten jedoch auf ihr Bauchgefühl, verließen schnellstmöglich das Gebäude und überlebten dadurch.

Es ist schon verrückt, wie das Leben spielt, welche Geschichten es schreibt und wie vermeintlich kleine Entscheidungen das Leben radikal beeinflussen können.

Damals im Jahr 2001 hatte ich während des Lebensmitteleinkaufs mit meiner Mutter oder später beim gemeinsamen Starren auf den Röhrenfernseher mit meinen Eltern keinen Schimmer davon, welche Schicksale die Menschen viele Tausend Kilometer von uns entfernt gerade durchlebten. Das Leben ist einfach verrückt.

Und verrückt war es auch, diese Geschichten viele Jahre später aus erster Hand in Manhattan zu hören. Die Emotionen von Ryan zu sehen und dadurch zu merken, was solch eine schreckliche Tat mit den Menschen meines Sehnsuchtsortes gemacht hat.

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