
Nun war es endlich so weit. Wobei ich das Everest Base Camp in meinen Gedanken gar nicht als das Highlight dieser Reise sehen wollte. Vielmehr war es der Roadtrip durch das faszinierende Tibet. Ein Land, das nur von wenigen Menschen bereist wird und werden kann.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Buch „Sieben Jahre in Tibet“ zum zweiten Mal gelesen, und viele der Orte, die wir besuchten oder an denen wir vorbeifuhren, hatten auch Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter gesehen – damals unter völlig anderen Bedingungen, in einer Zeit, in der die großen Expeditionen zum höchsten Berg unserer Erde, dem Mount Everest, stattfanden.
Ich genoss jeden Moment viel zu sehr, um sagen zu können, dass ausgerechnet dieser Tag das Highlight der Reise werden sollte. Dennoch war ich in der Vorbereitung sehr aufgeregt gewesen, wie das Wetter vor Ort sein würde. Ich hatte Fotos gesehen, auf denen man aufgrund des Nebels nicht erkennen konnte, ob man sich in Dänemark, in den Alpen oder im Himalaya befand.
Hätten wir solches Wetter gehabt, wäre ich wohl dennoch enttäuscht gewesen, denn ganz ohne Sicht auf den Everest wollte ich Tibet dann doch nicht verlassen.
Dieses Problem sollten wir an diesem Tag jedoch nicht haben. Als ich das Fenster unseres Hotelzimmers in Shegar öffnete, schien die Sonne zwar noch nicht, doch am Himmel war keine einzige Wolke zu sehen. Die klare Luft ließ die Kälte der Atmosphäre deutlich spüren.
Somit hatten wir die besten Voraussetzungen, um an diesem Tag den höchsten Gipfel unseres Planeten bei bestem Wetter bestaunen zu können.
Ein ruhiger Start ins große Abenteuer
Bevor unser Abenteuer starten konnte, hatten wir jedoch erst einmal genügend Zeit, in aller Ruhe zu frühstücken. Da wir erst gegen 10 Uhr vom Hotel in Richtung Nationalpark aufbrechen sollten, konnten wir sogar ausschlafen und ganz entspannt essen. Zwar waren wir in diesem Hotel abermals die einzigen Gäste, dennoch zauberten unsere Gastgeber ein wunderbares und reichhaltiges Frühstück für uns.
Nach dem Frühstück stiegen wir mit unseren Freunden in getrennte Busse und machten uns auf den Weg zum Everest Base Camp. Für mich persönlich war an diesem Tag alles ein wenig zu entspannt. Wie sich jedoch im Laufe des Tages herausstellen sollte, durften wir ohnehin erst um 14 Uhr am Hotel eintreffen. Von daher ergab es keinen Sinn, früher loszufahren. Schließlich hatten wir für heute nur 100 km auf dem Plan stehen. Dennoch wollte ich natürlich so früh wie möglich im Everest Base Camp eintreffen, um so lang wie möglich den höchsten Berg unserer Erde genießen zu können.
Bevor das eigentliche Abenteuer begann, hieß es für Bimba zunächst, unseren Bus vollzutanken. An der Tankstelle mussten wir eine Weile warten. Bevor er das Auto betanken durfte, musste Bimba mit unserem Permit in die Tankstelle gehen und es vorzeigen. Ohne diese Genehmigung hätten wir keinen Benzin bekommen.
Nach einer Viertelstunde war der Tank wieder gefüllt, bereit für den restlichen Teil unserer Route durch Tibet. Nun konnte die Reise in Richtung Mount Everest endlich beginnen.



Auf dem Weg zum Pang La Pass im Qumolangma Nationalpark
Wie bereits geschrieben, war die heutige Strecke überschaubar. Wir hatten lediglich 100 Kilometer vor uns. Diese sollten wir in etwa vier Stunden bewältigen können.
Nur wenige Kilometer von Shekar (Tingri) entfernt liegt der Eingang zum Qomolangma-Nationalpark. Qomolangma ist der ursprüngliche tibetische Name des höchsten Berges unseres Planeten. Ins Deutsche übersetzt bedeutet er in etwa „Herrin über dem Land“.
Am Eingang des Nationalparks stoppten wir erneut. Auch hier – wie schon an der Polizeistation einige Kilometer zuvor – wurden unsere Pässe sowie das Permit für diese Region kontrolliert. Spätestens jetzt merkten wir, dass es alles andere als einfach bzw. unmöglich ist, ohne Guide in diese Gegend zu reisen.
Die Straßen befanden sich in einem hervorragenden Zustand und nach und nach gewannen wir deutlich an Höhe. Bimba steuerte unseren Bus geschickt Kehre für Kehre dem auf knapp 5.200 Metern gelegenen Pang-La-Pass entgegen.
Mitunter schien der Pass endlos zu sein. Wir fuhren durch ein Meer aus braunem Geröll und passierten über hundert Kehren. Langsam näherten wir uns dem höchsten Punkt.
Neben uns waren immer wieder Radfahrer auf dem Weg nach oben. In bewundernswerter Konstanz pedalierten sie sich auf über 5.000 Meter hinauf. Kurbelumdrehung für Kurbelumdrehung kamen sie ihrem Ziel näher.
Wir konnten nur staunen, wie man sich in dieser Höhe noch mit solcher Kraft bewegen konnte.






Wenn ein Traum plötzlich Wirklichkeit wird: Fünf Achttausender und ein stiller Moment
Am Pass angekommen, parkte Bimba unseren Bus und wir konnten aussteigen. Als ich die Tür öffnete, wehte mir ein frischer Wind ins Gesicht. Doch es war nicht zu kalt. Die Sonne schien und wir hatten wohl das bestmögliche Wetter, welches dieser abgelegene und extreme Ort zu bieten vermag.
Was für ein Glück wir hatten. Wie oft hatte ich mir ausgemalt, wie ich mit meiner Enttäuschung umgehen würde, sollten wir hier oben in den Wolken stehen und die Hand vor Augen nicht sehen können. Wir waren schier endlose Kilometer durch Tibet gefahren, hatten ein halbes Vermögen in diese Reise investiert und dann womöglich keinen Blick auf den höchsten Berg der Erde?
Doch selbst das hätte ich akzeptieren müssen. So spielt das Leben. Es sind nicht nur die Highlights, die uns prägen. Oft wachsen wir gerade an den Enttäuschungen und Niederlagen.
All diese Gedanken schossen mir durch den Kopf, als wir gemeinsam mit unserem Guide Tenzin zur Aussichtsplattform liefen und sich vor uns ein unbeschreiblich schönes Himalaya-Panorama ausbreitete. Es war schlichtweg faszinierend.
Mir standen die Tränen in den Augen. Über viele Jahrzehnte hatte ich mich mit dieser Region beschäftigt: Dokumentationen geschaut, Reise- und Expeditionsberichte gelesen, Vorträgen über den Himalaya gelauscht und nun stand ich hier.







Die Gebetsfahnen auf dem Pass wehten im teils eisigen Wind dieser Höhe. Die Sonne jedoch war uns gnädig und tat ihr Möglichstes, der Kälte entgegenzuwirken. Mein Blick schweifte über die braune, karge Landschaft, gezeichnet von Höhe und Weite. Die unzähligen Kehren unter uns führten hinab ins nächste Tal. Vorbei an Gipfeln, die im Angesicht der gewaltigen Himalaya-Riesen beinahe sanft wirkten.
Und dann, am fernen Horizont, offenbarte sich das gewaltige Panorama des Himalaya. Von hier aus lassen sich fünf Achttausender sowie zahlreiche Sieben- und Sechstausender erblicken. Wir hatten das große Glück, Makalu, Lhotse, den Mount Everest, Cho Oyu und Shishapangma bei klarster Sicht zu sehen.
Ich weiß nicht, woran es lag, doch in diesem Moment war ich zutiefst ergriffen. Für mich ging ein kleiner, vielleicht lange unbewusster Traum in Erfüllung: Einmal den Blick über diese faszinierende Landschaft schweifen zu lassen. Eines der schönsten Gebirge unseres Planeten mit eigenen Augen zu sehen. Ich war vollkommen überwältigt.

Begegnung auf 5.000 Metern
Ebenso beeindruckt war ich von der Leistung der Sportlerinnen und Sportler, die diesen Pass mit dem Rad erklommen hatten. Soweit wir es verstanden, befuhren sie einen Abschnitt des legendären China National Highway 318; jener Straße, auf der auch wir immer wieder unterwegs gewesen waren. Sie führt von Shanghai bis zur nepalesischen Grenze nahe Nyalam.
Ich sah die Menschen, die im Ziel angekommen waren, neben ihren Rädern stehen. Anscheinend versuchten auch sie, ihre Emotionen zu ordnen. Ich versuchte, mit einigen von ihnen ins Gespräch zu kommen, doch das erwies sich als gar nicht so einfach: die wenigsten sprachen Englisch.
Mit einer Sportlerin jedoch hatten wir großes Glück. Sie sprach gut Englisch und so konnten wir uns eine Weile über ihr Radrennen und ihre Leidenschaft austauschen. Es war ein besonderer Moment. Man spürte, wie sehr sie sich freute, ihre Emotionen mit uns teilen zu können, zumal sie in diesem Augenblick niemanden aus ihrem Umfeld bei sich hatte.
Ich glaube, sie merkte ebenso, wie sehr uns dieser Ort und dieser Moment begeisterten. Und vielleicht spürte sie auch, dass ich als ehemaliger Radsportler ihre Leistung nicht nur bewunderte, sondern nachempfinden konnte, was es bedeutet, hier oben anzukommen.
Wir beide waren dankbar für diese Begegnung – auch wenn wir uns zuvor vollkommen fremd gewesen waren.




Die letzten Kilometer zum Everest
Nach dieser wundervollen Begegnung und dem ausgiebigen Genießen des Himalaya-Panoramas fuhren wir weiter in Richtung unseres Ziels. Schließlich wollten wir an diesem Nachmittag den Qomolangma (Mount Everest) aus nächster Nähe sehen.
Die Straße schlängelte sich durch wunderschöne, karge Täler. Immer wieder sahen wir kleine Dörfer und vereinzelte Siedlungen. Ich bin jedes Mal aufs Neue erstaunt, in welchen entlegenen Regionen unseres Planeten Menschen leben und ihren Alltag bestreiten. Ein Alltag, der meist ganz anders aussieht, als wir ihn uns vorstellen.
Diese Region war von einem gewissen Purismus geprägt. Die Häuser waren traditionell und schlicht gebaut: flache Gebäude in Erdtönen, bunt verzierte Fenster, und überall wurde Yak-Dung zum Trocknen ausgelegt. Den Häusern war anzusehen, in welch lebensfeindlicher und zugleich faszinierender Umwelt man sich hier befand.



Ich genoss es, von Bimba durch diese Landschaft gefahren zu werden. Schon bald erreichten wir einen größeren Ort. Tenzin erklärte uns, dass dies das „Everest Village“ sei. Ein Blick auf die Karte ließ vermuten, dass es sich um Tashidzom (Peruche) handeln musste. Jenen Ort, an dem wir mit unserem Fahrzeug nicht mehr weiterfahren durften.
Nach einem kurzen Mittagessen und einem kräftigen Buttertee wechselten wir auf einen der zahlreichen Eco-Busse, die uns die letzten Kilometer bis zum Everest Base Camp bringen sollten.
Seit einigen Jahren ist es nicht mehr erlaubt, die verbleibenden 45 Minuten bis zum Base Camp mit dem eigenen Fahrzeug zurückzulegen. Die grünen Elektrobusse, die etwa 30 Personen fassen, fungieren als Shuttle zwischen dem Dorf und dem Base Camp.
Dort trafen wir auch unsere belgischen Reisefreunde wieder. Obwohl sie deutlich früher an der Busstation gewesen waren, konnten auch sie nicht eher aufbrechen.
So fuhren wir schließlich gemeinsam dem Everest Base Camp entgegen; voller Vorfreude darauf, an diesem besonderen Ort einige Zeit verbringen zu dürfen.






Der wahre Wert der Reise: Demut erleben
Eigentlich wollte ich das Everest Base Camp nicht als das eigentliche Ziel dieser Reise betrachten. Denn der Weg von München über Shanghai und Xining nach Lhasa und im weiteren Verlauf bis nach Kathmandu hatte so viel mehr zu bieten als „nur“ den höchsten Berg der Welt.
Und doch war die Vorfreude auf diesen Ort nun spürbar groß. Schließlich würde dies vermutlich ein „Once in a lifetime“-Moment sein. Wer hat schon das Glück, diesen Berg mit eigenen Augen sehen zu dürfen? Die wenigsten Menschen auf unserem Planeten haben dieses Privileg.
Entsprechend demütig saßen wir im Bus und waren gespannt, was dieser Tag noch bereithalten würde. Dabei hatten wir bereits so viele einzigartige und unvergessliche Augenblicke erlebt.
Wenn ich diesen Tag mit einem Wort beschreiben müsste, dann wäre es: Dankbarkeit.
Dankbarkeit dafür, all das erleben zu dürfen.
