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Trans-Himalaya: Der Weg zum Kloster Sakya bis nach Shekar – Zwischen Klöstern, Dörfern und Einschränkungen

Mittlerweile waren wir den fünften Tag in Tibet und den zweiten Tag auf einem Roadtrip unterwegs, dessen erstes Ziel das Everest Base Camp war und der schließlich an der Grenze zu Nepal enden sollte.

Nachdem wir das Kloster Tashi Lhunpo besichtigt hatten und spüren durften, welche tiefe Faszination der Besuch des Panchen Lama bei den Gläubigen auslöst, brachen wir auf, um unseren Weg in den Südwesten Tibets fortzusetzen.

Heute lagen rund 300 Kilometer Strecke vor uns. Ein weiterer Klosterbesuch stand auf dem Plan und am Abend würden wir zum letzten Mal übernachten, bevor wir das Base Camp des höchsten Berges dieser Welt erreichen durften. Entsprechend groß war die Vorfreude auf diesen Tag. Wir waren einfach gespannt, was uns erwarten würde.

Bimba startete den Motor unseres alten Ford-Busses und wieder einmal begann der Roadtrip.

Vom Zuhören, Beobachten und Lernen: Unterwegs mit Bimba und Tenzin

Jeden Morgen begrüßten wir unseren Fahrer Bimba und unseren Guide Tenzin herzlich. Mittlerweile waren wir ein eingespieltes Team. An einem Tag brachten wir ein paar Snacks mit, die uns den Tag versüßen sollten, am nächsten überraschte uns Tenzin mit tibetischen Kleinigkeiten.

Während unserer Fahrt – und wir fuhren wirklich viel – hatten wir ausreichend Zeit, uns mit Tenzin über Tibet und sein Leben zu unterhalten. Dabei erfuhren wir viel über ihn persönlich, über sein Land, seine Religion und sprachen sprichwörtlich über Gott und die Welt.

Ich hatte das Gefühl, dass ein gegenseitiges Interesse bestand. Auch ihn interessierte sehr, wie wir unser Leben in Deutschland und Europa verbrachten.

Wieder einmal prallten zwei Welten aufeinander. Wir, die vergleichsweise wohlhabenden Menschen aus der westlichen Welt, die es sich leisten können und vor allem leisten wollen, in abgelegene, fremde Länder zu reisen. Wir arbeiten viel, zumindest ich stehe meist unter großem Stress und der Alltag scheint auf Planbarkeit, Effektivität und Produktivität getrimmt zu sein. Dabei vergisst man manchmal, dass das Leben mehr ist als Arbeit und das bloße Hinarbeiten von Reise zu Reise.

Auf der anderen Seite stehen Tenzin und Bimba, die ein vermeintlich einfaches Leben führen. Sicherlich haben auch sie einen stressigen Alltag, geprägt von Problemen und Sorgen. Und doch wirken sie ausgeglichener, achtsamer, ruhiger als wir es tun.

Es ist immer wieder etwas Besonderes, auf Reisen solchen Menschen zu begegnen und Einblicke in ihr Leben zu erhalten. Für mich persönlich ist es ein Ziel, gute Eigenschaften dieser Menschen mitzunehmen und in mein eigenes Leben zu integrieren.

Unter diesem Gesichtspunkt boten unser Fahrer Bimba und unser Guide Tenzin besonders viel. Wir haben auf dieser Reise Menschen kennengelernt, die mir hoffentlich noch lange in Erinnerung bleiben werden.

Natürlich sprachen wir nicht ununterbrochen miteinander. Tenzin liebte es, während der Fahrt ein kleines Nickerchen zu halten, und Bimba schaltete dann das Radio ein, hörte Musik und sang leise vor sich hin.

Sobald die Sonne auf seine Hände fiel oder die Strecke anspruchsvoller wurde, zog er seine weißen Handschuhe an. Das hatte ich zuvor noch nie gesehen und kannte es höchstens aus Filmen.

Ich hörte den beiden auch gern bei ihren Gesprächen zu. Oft erzählte Tenzin und Bimba stimmte ihm mit einem zustimmenden, stimmhaften „se“ zu.

Nie habe ich erlebt, dass die beiden sich stritten, ernster miteinander sprachen oder fluchten. Es war ein ausgesprochen respektvoller und harmonischer Umgang, den sie miteinander pflegten.

So vergingen die gemeinsamen Tage mit Bimba, Tenzin und unserem Ford-Bus beinahe wie im Flug.

Das Leben entlang der tibetischen Straßen

So saßen wir nun im Auto. Wenn wir nicht mit Tenzin sprachen, schauten wir aus dem Fenster und versuchten zu erfassen, wie die Menschen auf dem Land in Tibet leben. Mal waren wir ganz bei unseren eigenen Gedanken, mal tauschten wir uns über das Gesehene aus und immer wieder machten wir uns bewusst, dass wir gerade tatsächlich durch Tibet fuhren.

Eines taten wir jedoch nie – egal, wie müde wir waren: schlafen. Dafür war die Zeit im Auto einfach zu kostbar. Die Angst, etwas zu verpassen, war viel zu groß.

Den größten Teil der Strecke fuhren wir durch landwirtschaftlich geprägte Regionen. Am Horizont oder in unmittelbarer Nähe begrenzten kleine und größere Gebirgszüge unseren Blick und markierten scheinbar das Ende der Landschaft.

Ich war sehr erstaunt, wie fruchtbar der Boden in Tibet offenbar ist. Wir sahen zahlreiche Felder, die gerade abgeerntet wurden. Auf ihnen standen LKWs, Traktoren, kleinere Anhänger und natürlich viele Menschen, die gemeinsam daran arbeiteten, die wertvolle Ernte sicher in die Scheunen zu bringen.

Die Nächte waren im Oktober bereits spürbar kühl, und ich vermute, dass der erste Frost zu dieser Zeit nicht mehr weit entfernt war; vor allem auf den Höhenlagen, die wir durchquerten.

Gern hätte ich eines der vielen Dörfer besucht, durch die wir fuhren, wäre durch die engen Gassen gelaufen und hätte gesehen, wie sich die Menschen auf die harten Lebensbedingungen eingestellt haben. Das war jedoch leider nicht möglich. So blieb uns nur, die Augen während der Fahrt offenzuhalten, um wenigstens auf diesem Weg möglichst viele Eindrücke zu sammeln.

Die Dörfer selbst waren oft sehr klein. Sie waren geprägt von warmen Erdfarben, flachen Dächern, verzierten Fenstern und bunten Gebetsfahnen. Häufig waren die Grundstücke von Mauern umgeben, auf denen Yak-Dung zum Trocknen lagerte. Dieser dient den Menschen im harten Winter als Heizmaterial. Zwar gibt es auf dem tibetischen Hochplateau auch Bäume, doch sie sind rar gesät – und es erscheint nur konsequent und nachhaltig, sich ihrer nicht zu bedienen. Ich nehme an, dass dennoch andere Rohstoffe genutzt werden, um ihre Räume zu beheizen.

Sobald man den Blick von der Hauptstraße, auf der wir unterwegs waren, abwandte, zeigten sich fast ausschließlich Schotterwege. Entsprechend staubig wirkten viele der Dörfer.

Von außen betrachtet hatte ich den Eindruck, dass es den Tibetern und Tibeterinnen an nichts Existenzielles mangelte. Gleichzeitig ließ dieser Blick nicht darauf schließen, dass sie einen Lebensstandard haben, wie wir ihn etwa aus Lhasa kennen oder aus unserer eigenen Heimat gewohnt sind.

Die Menschen, die wir während der Fahrt sahen und die ich fotografieren konnte, waren ausnahmslos traditionell gekleidet. Ihre Gesichter erzählten von den harten Lebensbedingungen in Tibet. Und dennoch strahlten sie eine bemerkenswerte Ruhe und Demut aus.

Wie gern hätte ich einfach angehalten und versucht, mit ihnen in Kontakt zu treten. Doch im Jahr 2025 war dies nicht möglich. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit und vielleicht kann ich in einigen Jahren tatsächlich durch die kleinen Ortschaften Tibets reisen.

Das Kloster Sakya in Sicht und mein kleiner Ausbruch

Auf diese Art des Miteinander-Quatschens, aus dem Fenster Schauens oder in Gedanken Schwelgens brachten wir, beziehungsweise Bimba, Kilometer für Kilometer hinter uns. Langsam, aber stetig näherten wir uns dem Kloster Sakya und dem Hauptkamm des Himalayas.

Die Nachbarländer dieser Region sind Indien, Bhutan und natürlich Nepal. Wir befanden uns mittlerweile in Gegenden, die vor einigen Jahrzehnten ausschließlich großen Himalaya-Expeditionen vorbehalten waren. Heute ist es vor allem eine Frage des Geldes, ob man durch Tibet reisen kann oder nicht. Das Hochland ist von erstaunlich guten Straßen durchzogen, auf denen LKW, Autos und natürlich auch touristische Fahrzeuge unterwegs sind.

Wir hatten den 4.500 Meter hohen Tsuo-Pass überwunden und nun trennten uns nur noch etwa 30 Kilometer vom Kloster Sakya. Es sollte das letzte größere Kloster sein, das wir uns in Tibet ansehen würden.

Bevor unsere Besichtigung begann, schlug unser Guide vor, zunächst eine kleine Mittagspause einzulegen. In dem Ort rund um das Kloster gab es einige Geschäfte und Restaurants. Da wir ein sehr gutes Frühstück gehabt hatten und zudem gut mit Snacks versorgt waren, benötigten wir keine ausgedehnte Mahlzeit.

Also suchten wir uns eine Bank und genossen die Sonne. Diese stand auf einem großen Platz, der nur erahnen ließ, wie viele Menschen das Kloster in der Hauptsaison besuchen oder mit wie vielen Besuchern hier künftig gerechnet wird. Während wir unsere Snacks aßen und auf die Landschaft blickten, wirkte der Platz allerdings eher wie eine Baustelle als wie ein touristischer Hotspot.

Ich überlegte, dass sich dieser Moment perfekt anbieten würde, um das benachbarte Dorf zu besuchen. Die Sterne standen gut: Ich hatte noch rund 40 Minuten Zeit und das Dorf lag nur etwa 100 bis 200 Meter von unserer Bank entfernt. Ein kurzer Abstecher schien also problemlos machbar.

Also machte ich mich auf den Weg und freute mich, endlich einmal selbstständig und ohne Guide etwas erkunden zu können. Kaum hatte ich die Brücke überquert, sah ich, dass auch in diesem Dorf die Ernte in vollem Gange war. Vor den Eingängen der Höfe lagen große, mächtige Strohhaufen, sodass man sich teils nur mühsam durch die schmalen Straßen bewegen konnte.

Nach wenigen Metern riefen mich bereits die ersten Jugendlichen. Offenbar war ihr Schultag gerade zu Ende und sie fragten sich, was ich in ihrem Dorf zu suchen hatte. Leider konnten wir uns nicht mit Worten verständigen, sondern nur mit Händen und Füßen. Trotzdem war es eine sehr angenehme Begegnung: Ich freute mich, die beiden Jungs freuten sich ebenso. Wir machten ein paar Selfies, dann setzten sie ihren Heimweg fort.

Ich ging weiter ins Dorf hinein. An einer Ecke standen Kühe, auf der anderen trottete ein Hund vorbei, und auf einer Mauer saß eine Katze und genoss die letzten warmen Sonnenstrahlen des Tages. Ich lief weiter, ließ meinen Blick die Straße entlangwandern und sog jede Kleinigkeit auf. Endlich konnte ich durch ein tibetisches Dorf gehen – auch wenn es nur für ein paar Minuten war.

Es fühlte sich besonders an. Plötzlich entdeckte ich über einer Haustür den abgetrennten Kopf eines Rindes oder Yaks. Wieder einmal wurde mir bewusst, dass ich mich hier in einem völlig anderen Kulturkreis bewegen durfte.

Ein Blick auf die Uhr holte mich schließlich zurück. Schweren Herzens musste ich den Rückweg antreten, da die Mittagspause unseres Guides und Fahrers bald enden würde.

Voller Freude spazierte ich durch die Straßen des Dorfes zurück zu meiner Freundin und gemeinsam machten wir uns auf den Weg zum Kloster.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass mir am Abend ein weiterer Gang durch ein anderes Dorf verwehrt bleiben sollte. Rückblickend freue ich mich umso mehr, diesen kurzen Ausflug unternommen zu haben. Vielleicht konnte ich so Eindrücke sammeln, die nicht jeder Reisende mit nach Hause nimmt.

Das Kloster Sakya – Eine Klosteranlage mit mehr als tausendjährige Geschichte

Als wir Tenzin wiedertrafen, konnten wir mit der Besichtigung des Klosters Sakya beginnen. Tenzin war satt – und die Mönche ebenfalls, denn während der Mittagszeit war das gesamte Kloster geschlossen.

Das Kloster mit seinen charakteristischen Wehrtürmen zählt zu den kunsthistorisch wertvollsten Sehenswürdigkeiten Tibets und durfte auf unserer Route daher keinesfalls fehlen. Es ist Sitz der Sakyapa-Schule, einer der vier großen buddhistischen Schulen des „Schneelandes“. Bereits vor rund 1.000 Jahren gegründet, galt das Kloster lange Zeit als politisches und religiöses Zentrum Tibets.

Im ersten Moment gab es im Kloster selbst gar nicht so viel zu sehen. Wir liefen einmal auf der Wehrmauer entlang, genossen die umgebende Landschaft und hatten dabei einen interessanten Blick auf die Gebäude des Innenhofs. Von hier aus ließ sich gut erkennen, wie schlicht die Wohnräume der Mönche sind und unter welch einfachen Bedingungen sie leben. Das war durchaus eindrucksvoll.

Von oben wurde zudem deutlich, dass das Kloster im mongolischen Stil errichtet wurde. Es unterscheidet sich stark von den Klöstern, die wir zuvor besucht hatten und erinnert eher an eine mächtige Wehranlage als an ein klassisches buddhistisches Kloster. Vom Nordkloster, das im typisch tibetischen Stil erbaut war, sind heute leider nur noch Ruinen erhalten. Diese lassen sich am Gebirgshang hinter dem Dorf erkennen, das ich kurz zuvor noch besucht hatte. Zwischen den erdfarbenen Überresten flattern heute zahlreiche Gebetsfahnen im Wind.

Erfreulich ist jedoch, dass Teile des Nordklosters inzwischen wiederaufgebaut wurden.

Auch von der Klostermauer aus wird deutlich, wie nah die angrenzende Ortschaft an das Kloster herangebaut ist. Zunächst fällt der Blick auf einen großen Platz mit Fahnen und einer Statue, anschließend auf eher rudimentäre Wohnanlagen.

Nachdem wir das Kloster zunächst von außen erkundet hatten, führte uns Tenzin durch die verschiedenen Gebäude und Räume des Südklosters, dem Dukhang. Wir durchquerten mehrere Hallen und er erklärte uns erneut viel über die unterschiedlichen Buddha-Statuen. Ein besonderes Highlight war für mich die Bibliothek. Bis vor wenigen Jahren war sie für Besucher nicht zugänglich, doch wir hatten das große Glück, einen Blick in die umfangreichste Sammlung alter tibetischer Schriften werfen zu dürfen. Die Bücherregale sind rund 60 Meter lang und etwa 10 Meter hoch. Hier lagern etwa 20.000 Schriften, die jeweils zusammengerollt aufbewahrt werden. Glücklicherweise konnten sie während der Zeit der Kulturrevolution versteckt werden und gelten bis heute als größter literarischer Schatz Tibets.

Nachdem wir noch etwas Zeit für uns im Kloster hatten und uns auch mit unseren belgischen Freunden Charlotte und Jonas unterhalten konnten, kehrten wir schließlich zu unserem Bus zurück und machten uns bereit für die letzte Etappe des Tages.

Zwischen Erntefeldern und Himalaya-Gipfeln oder den Everest gesehen, ohne es zu wissen

Als wir am Auto ankamen, überraschte uns Tenzin bereits wieder mit ein paar Snacks. Nach einer kurzen Lagebesprechung startete Bimba den Motor, und abermals setzten wir unsere Fahrt in Richtung Everest Basecamp fort.

Auch unterwegs sahen wir erneut viele Menschen auf den Feldern arbeiten. Sie brachten ihre Ernte ein, um sie vor dem herannahenden Winter in Sicherheit zu bringen.

Ein ganz besonderes Erlebnis war der Moment, als wir zum ersten Mal die großen, schneebedeckten Berge des Himalayas erblickten. Leider vergaß unser Guide in diesem Augenblick, uns darauf hinzuweisen, dass wir von hier aus bereits den König der Berge – den Mount Everest mit seinen 8.848 Metern – sehen konnten. Vielleicht hat er es uns auch gesagt und wir haben es schlicht nicht wahrgenommen.

Erst am Abend erfuhren wir davon, als unsere belgischen Freunde davon berichteten und mir der Parkplatz auf einem ihrer Fotos bekannt vorkam. Zurück in unserem Zimmer durchforstete ich die unzähligen Bilder des Tages und tatsächlich fand ich auch selbst ein Foto dieses besonderen Bergpanoramas. Wir hatten den Mount Everest also bereits gesehen, auch wenn uns seine Bedeutung erst im Nachhinein bewusst wurde.

Landschaftlich war die Fahrt vom Kloster Sakya nach Shekar ausgesprochen sehenswert. Wir passierten wilde, abenteuerliche Berglandschaften, in denen immer wieder kleine Klosteranlagen auftauchten. Und tatsächlich durchquerten wir sogar eine kleine Wüste. Man konnte förmlich beobachten, wie der Sand in der Landschaft von Minute zu Minute mehr wurde, bis wir plötzlich in einer kleinen Wüstenlandschaft mit Sanddünen standen. Wer hätte gedacht, dass Tibet mich ausgerechnet mit einer Wüste überraschen würde.

Shekar: Ein Ort voller Geschichte und Grenzen

In Shekar (verschiedene Schreibweisen sind gebräuchlich, etwa Shegar oder Tingri) angekommen, bezogen wir unser Hotel. Genauer genommen befanden wir uns jedoch gar nicht direkt in Shekar, denn der eigentliche Ort lag noch etwa sieben Kilometer entfernt. Wir übernachteten in einem Ortsteil unmittelbar am Friendship Highway. Dieser gilt heute als Sprungbrett für all jene, die sich auf den Weg zum Everest Base Camp machen.

Schon vor rund 100 Jahren spielte dieser Ort eine zentrale Rolle für Expeditionen zum Mount Everest. Abenteurer wie George Mallory und Andrew Irvine, die bei dem Versuch der Gipfelbesteigung ums Leben kamen, nutzten Shekar als wichtigen Checkpoint. Hier konnten Vorräte aufgestockt, Ausrüstung repariert oder neue Yaks erworben werden, um die verbleibenden, extrem anspruchsvollen Kilometer in Richtung Everestregion bewältigen zu können.

Ein Ort mit einer solchen Geschichte zog mich natürlich sofort in seinen Bann. Also öffnete ich die Taxi-App DiDi, um zu prüfen, ob ich vom Hotel aus ins Ortszentrum fahren könnte. Laut App schien das kein Problem zu sein. Auf dem Weg zum Taxi traf ich Tenzin und erzählte ihm von meinem Vorhaben. Er war zunächst überrascht, dass ich überhaupt ein Taxi organisieren konnte – zeigte sich jedoch alles andere als begeistert von meiner Idee.

In dieser Region, erklärte er mir, sei es mir nicht gestattet, mich eigenständig zu bewegen. Ich entgegnete ihm freundlich, dass in unserem Permit doch Shekar als Aufenthaltsort aufgeführt sei. Daraufhin machte er mir klar, dass damit lediglich die Umgebung unseres Hotels gemeint sei – nicht jedoch die Altstadt von Shekar.

In diesem Moment war ich sehr enttäuscht. Wie gern hätte ich den Ort erkundet, wäre durch die Straßen gelaufen und hätte das wirkliche Leben auf dem Land beobachtet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir fast ausschließlich an touristischen Sehenswürdigkeiten Halt gemacht und entsprechend wenig vom alltäglichen Leben der Menschen mitbekommen.

Doch so ist das wohl, wenn man durch Tibet reist. Das war mir im Vorfeld bewusst gewesen. Ich hatte es nur nicht wirklich wahrhaben wollen.

Tenzin entschuldigte sich mehrmals bei mir, und ich versicherte ihm, dass es wirklich kein Problem sei und er selbstverständlich nichts für die Bestimmungen und Einschränkungen könne.

Trotzdem kehrte ich mit spürbarer Enttäuschung in unser Zimmer zurück.

Soziale Kontakte, Reisegespräche und ein versöhnlicher Tagesabschluss

Nachdem ich auf dem Zimmer meine Enttäuschung einigermaßen in den Griff bekommen hatte, beschlossen wir, uns vor dem Hotel noch ein wenig die Füße zu vertreten.

Wobei „vor dem Hotel“ fast schon übertrieben ist, hier war wirklich nicht viel los. Es gab lediglich eine Straße mit ein paar gewerblichen Gebäuden. Kein Mensch war weit und breit zu sehen. In Richtung Shekar durften wir uns nicht bewegen und in die andere Richtung standen nicht einmal wirklich Häuser.

Stattdessen lagen dort ein paar brachliegende Straßen, und dahinter begann eine durchaus reizvolle Berglandschaft. Wir entschieden uns also für die einzig erlaubte Richtung.

Auf dem Weg dorthin trafen wir unsere belgischen Freunde. Sie hatten offenbar dieselbe Idee. Wir kamen kurz ins Gespräch und beschlossen, gemeinsam einen Spaziergang in Richtung der Hügel zu unternehmen. Vielleicht durften wir ja genau deshalb nicht nach Shekar fahren. Vielleicht wollte Tenzin, dass wir uns kennenlernen. Natürlich ist das Quatsch, aber am Ende ist ja doch alles für irgendetwas gut.

Gemeinsam liefen wir auf die Hügel zu und entdeckten sogar ein altes, verfallenes Gebäude, das heute kaum noch als solches zu erkennen gewesen wäre, hätte es nicht Gebetsfahnen getragen.

Während unseres Spaziergangs tauschten wir uns über vergangene Reiseerlebnisse aus. Die beiden waren gerade auf einer längeren Reise unterwegs – drei Monate – und Tibet war ihre erste Station.

Dieses Gefühl, sagen zu können, dass man noch eine ganze Weile unterwegs sein wird, kenne ich nur zu gut. Vor nicht allzu langer Zeit waren wir selbst auf einer längeren Reise und konnten neuen Bekanntschaften erzählen, dass noch viel Zeit vor uns lag.

Und irgendwie gönnte ich den beiden ihre Auszeit nach dem Studium sehr. Klar, wir konnten uns das in ihrer Lebensphase nicht leisten. Aber wir wissen nun, dass wir jederzeit wieder auf eine längere Reise aufbrechen könnten. Wir müssten nur die Tür hinter uns schließen und den ersten Schritt gehen.

Wir sprachen über vergangene Reisen und zukünftige Reiseträume und genossen dabei gemeinsam den wunderschönen Sonnenuntergang über Shekar.

Den Abend verbrachten wir schließlich im Restaurant des Hotels bei einem ganz passablen Essen und leckerem Tee. Dort erfuhren wir übrigens auch, dass wir an diesem Tag den Mount Everest bereits gesehen hatten und ich ihn sogar auf der Kamera hatte.

Insofern war es ein Tag, an dem sich das Aufstehen auf jeden Fall gelohnt hatte.

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