
Obwohl ich vor noch nicht einmal einem halben Jahr im Everest Base Camp gewesen bin, ist dieser Moment doch schon wieder so weit weg – und gleichzeitig immer noch ganz nah in meiner Erinnerung.
Ich spüre die Kälte dieses Tages noch immer. In Gedanken gehe ich den Weg von unserer Unterkunft zu dem Ort erneut, an dem wir den höchsten Berg unseres Planeten bestaunt haben. Ich habe diesen Anblick noch genau vor Augen.
Es war nie mein Ziel, einmal vor diesem – irgendwie wunderschönen – Gipfel zu stehen. Doch im Nachhinein hat sich der teils beschwerliche und auf jeden Fall sehr kostenintensive Trip absolut gelohnt.
Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal einen Ort besuchen würde, an dem so viele Schicksale geschrieben wurden – Schicksale, die ich bisher nur aus den Büchern von Hans Kammerlander oder Reinhold Messner kannte.
Es waren zwar nur 24 Stunden, die ich an diesem besonderen Platz verbracht habe, aber dieser Tag wird hoffentlich ein Leben lang in meiner Erinnerung bleiben.
Auf dem direkten Weg zum Dach der Welt
Ich habe bereits beschrieben, dass wir von Old Tingri über zahlreiche Pässe und durch sehr abgelegene Dörfer bis in das letzte Dorf gefahren sind – „Everest Village“, wie unser Guide Tenzin es nannte. Dort kauften wir noch einmal Wasser, ein paar Snacks und aßen gemeinsam zu Mittag.




Danach nahmen wir unsere Rucksäcke, verabschiedeten uns von unserem Fahrer Bimba und fuhren mit einem dieser grünen Elektrobusse vom Busterminal in Richtung Base Camp.
Hier trafen wir auch unsere belgischen Reisefreunde wieder. Der Bus war gut gefüllt, aber es war der einzige mit Übernachtungsgästen an diesem Tag, der sich auf den etwa 45-minütigen Weg machte. Erst am Abend kamen weitere Busse mit Tagesgästen an, die hauptsächlich für den Sonnenuntergang hierherkamen – danach mussten sie direkt wieder zurück.
Die Busfahrt war wunderschön. Zunächst fuhren wir durch ein flaches Tal, passierten einen Checkpoint, an dem all unsere Pässe per Smartphone fotografiert wurden, und später ging es in beeindruckenden Serpentinen weiter in Richtung Base Camp.
Dann war es plötzlich so weit: Zum ersten Mal sahen wir den Mount Everest (Qomolangma) am Ende des Tals. Der Anblick war überwältigend.
Die letzten Meter vergingen wie im Flug, und schon bald erreichten wir das Gelände des touristischen Base Camps.
Zuerst hielt der Bus beim Camp, in dem man in Zelten übernachten kann – wobei „Zelt“ fast untertrieben ist: Es sind einfache Hütten mit Betten und allem, was dazugehört. Wir fuhren noch wenige Minuten weiter und stiegen direkt am Kloster Rongbuk aus.




Ein Hauch von Luxus zwischen Geröll, Gipfeln und dem Mount Everest
Vom Bus aus liefen wir direkt zu unserem Hotel – wobei „Hotel“ ebenfalls etwas übertrieben ist. Es war eher ein kleiner Containerpark, teils aus Containern, teils aus gemauerten Bereichen. Die Zimmer waren u-förmig angeordnet, in der Mitte lag ein geschützter Innenhof.
Es gab einen kleinen Aufenthaltsraum, in dem Frühstück und ein einfaches Abendessen angeboten wurden. Das Frühstück war im Preis enthalten, das Abendessen musste extra bezahlt werden.
Unser Zimmer war überraschend schön und recht neu. Das Beste: Wir hatten vom Bett aus Blick auf den Mount Everest. Damit war eigentlich alles gesagt.
Natürlich sollte man hier am Ende der Welt keinen großen Komfort erwarten. Wir hatten ein Dach über dem Kopf und Strom – mehr brauchte es auch nicht. Es gab keine Heizung und kein warmes Wasser, aber das war vollkommen in Ordnung.
Auf einem der Container befand sich eine kleine Aussichtsplattform mit einem großartigen Blick auf das gesamte Gelände.








Kälte, Stille und Weite: Eindrücke vom Everest Base Camp
Von der kleinen Aussichtsplattform des Hotels hatte man einen wunderschönen Blick auf den Everest sowie das Gelände rund um das Hotel.
Nur wenige Meter vom Hotel entfernt liegt das Kloster Rongpu. Es befindet sich auf 4.980 Metern Höhe und gilt als höchstgelegenes Kloster der Welt sowie als einer der höchstgelegenen dauerhaft bewohnten Orte der Erde. Für die tibetisch-stämmigen Sherpas ist es ein wichtiges Pilgerziel, das sie über den Pass Nangma La in einer mehrtägigen Wanderung erreichen.
Wiederum nur wenige Meter weiter befindet sich eine Polizeistation beziehungsweise eine Sicherheitskontrolle. In diesem Gebäude brannte zwar Licht, und es stand auch ein Auto davor. Als ich am Abend mit Stirnlampe zum Aussichtspunkt gelaufen bin und somit an der Polizeistation vorbeimusste, regte sich jedoch nichts.
Folgt man der geteerten Straße weiter, erreicht man bald das Visitor Center des touristischen Everest Base Camps. Hier gibt es Toiletten, eine kleine Ausstellung und die Möglichkeit, einige Snacks zu kaufen. Ich denke, die wichtigste Funktion hat dieses Gebäude bei schlechtem Wetter beziehungsweise bei kalten Bedingungen: Hier kann man den höchsten Berg der Welt durch riesige Panoramafenster aus einem beheizten Raum heraus bestaunen.



Wir hatten schlicht unfassbares Glück mit dem Wetter. Noch zwei bis drei Wochen vor unserem Besuch litt die gesamte Region unter einem verfrühten Wintereinbruch mit massiven Schneefällen. Es wurden sogar Reisende aus dem Gebiet evakuiert. Unser Guide Tenzin war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls mit einer Reisegruppe unterwegs – und sie konnten den Everest kein einziges Mal sehen.
Ganz anders zeigte sich der Everest bei unserem Besuch: Wir konnten den Berg inklusive des gesamten Massivs ohne eine einzige Wolke bestaunen. Daher liefen wir am Visitor Center vorbei und bogen direkt auf den kleinen Weg in Richtung des Geröllfeldes ab, von dem aus man einen wunderschönen Blick auf den Berg hat.
Immer wieder haben Besucherinnen und Besucher kleine Steinmännchen oder Steintürme gebaut. Es war ein wunderschöner Anblick: Diese karge Gerölllandschaft – und dahinter eröffnete sich das Everest-Massiv.
Von hier aus kann man gut erkennen, dass durch das Tal eine weitere Straße führt. Diese endet vor dem eigentlichen Basecamp. Sie ist jedoch für normale Reisende ohne Gipfel-Permit gesperrt. Das gesamte Gelände ist daher gut eingezäunt und videoüberwacht.
Wir hatten allerdings auch nicht die Absicht, noch weiter in das Tal zu gehen. Schon hier waren die Temperaturen und der Wind wirklich unangenehm. Man konnte sich gut vorstellen, wie extrem das Wetter in höheren Lagen sein muss. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie sich die Bergsteiger fühlen, wenn sie sich oberhalb von 7.000 Metern aufhalten.








Alpenglühen über dem Dach der Welt
Während meine Freundin die noch erträgliche Kälte in unserem Zimmer bevorzugte, machte ich mich wieder auf den Weg zum Geröllfeld. Ich wollte den Everest so lange wie möglich aus nächstmöglicher Nähe sehen. Daher hielt ich mich den gesamten späten Nachmittag bis zum Sonnenuntergang auf dem Geröllfeld auf.
Mit der sinkenden Sonne nahm der Sturm zu, und die Temperaturen fielen von Minute zu Minute bis knapp unter den Nullpunkt.
Mein Blick wanderte immer wieder zwischen dem Mount Everest (Qomolangma), der davorliegenden alpinen Landschaft, den verfallenen Klosterruinen an den Hängen und den verschiedenen Reisenden, die den Moment ebenso bewusst erlebten wie ich.
Hier traf ich auch unsere belgischen Freunde – Jonas und Charlotte. Wir unterhielten uns eine ganze Weile und genossen den einfach unvergesslichen Anblick.
Über das Glück mit dem Wetter habe ich bereits geschrieben. Nicht in Worte zu fassen ist jedoch unser Glück bei der Lichtstimmung zum Sonnenuntergang. Der Everest zeigte sich im schönsten Licht, das man sich vorstellen kann. Sicherlich konnten wir alle – ich vom Geröllfeld aus, meine Freundin von unserem Zimmer aus – das wohl eindrucksvollste Alpenglühen unseres Lebens sehen.
Es war einfach zu schön, um der Kälte nachzugeben. Ich hielt es so lange aus und ließ diesen wunderschönen Berg keinen einzigen Augenblick aus den Augen, bis es ganz dunkel geworden war.
Mit der Stirnlampe auf dem Kopf lief ich mit einem sehr schönen Gefühl zurück zum Hotel. Es war kalt, bitterkalt und wirklich dunkel. Im Zimmer angekommen, wurde mir erst bewusst, wo wir uns gerade befanden.







Im Dunkeln vor dem Everest
Natürlich wollte ich versuchen, auch ein Bild mit der Silhouette des Everests vor dem Sternenhimmel mit meiner Sony RX100 VII aufzunehmen, aber das gelang nicht. Es war einfach zu dunkel. Selbst bei maximal geöffneter Blende und einer möglichst hohen ISO, bei der das Rauschen noch vertretbar war, konnte ich innerhalb von 30 Sekunden nicht genügend Licht einfangen.
Doch das war letztlich überhaupt nicht schlimm. Ich stand in eisiger Kälte ganz allein vor dem Mount Everest. Die Umrisse des Berges konnte ich mit den Augen nach und nach erkennen, als sich meine Sehkraft an die vollständige Dunkelheit gewöhnte. Viel gab es dennoch nicht zu sehen – es war einfach zu dunkel.
Dennoch stand ich im eisigen Wind, umgeben von unendlicher Stille – abgesehen vom Geräusch des Windes. Ich war ganz allein und dem Berg so nah, wie man es tagsüber kaum sein kann, wenn man sich den Anblick mit zahlreichen Menschen teilt.
Und auf einmal nahm ich ein Licht am Bergmassiv wahr. War es eine Täuschung? Oder bewegten sich in diesem so nahen und doch noch sehr fernen Berg tatsächlich Menschen? Das Licht flackerte immer wieder auf und verschwand danach. Ich war unsicher.
Auf meinem komplett misslungenen Bild kann man jedoch zwei schwacher Lichter mitten im Berg erkennen. Wer weiß, wem ich hier abgebildet habe?
Am nächsten Morgen erzählte mir Jonas, dass ihr Guide gesagt hatte, dass wohl noch eine kleine Seilschaft am Berg unterwegs sei – und ich tatsächlich Licht von Menschen gesehen haben könnte. Wer weiß, vielleicht hatte ich an diesem Abend Glück und erblickte Bergsteiger am Mount Everest (Qomolangma).

Eine eisige Nacht und strahlendes Licht am Morgen
Nach einer wirklich eisigen und wenig erholsamen Nacht – da ich aufgrund der Höhe kaum geschlafen hatte – wollte ich nicht unnötig lange liegenbleiben. Noch vor dem Sonnenaufgang zog ich mir meine eiskalten Schuhe an, um pünktlich zum Sonnenaufgang am Kloster Rongpu zu stehen. Online hatte ich wunderschöne Aufnahmen mit dem Kloster im Vordergrund und dem Mount Everest im Hintergrund gesehen.
Der Sonnenaufgang war ebenfalls beeindruckend, wenn auch nicht ganz so spektakulär wie der Sonnenuntergang. Die Sonne stieg langsam hinter den Bergen empor und tauchte die Gipfel in wunderschöne Farben. Fast hätte man bei diesem Anblick die klirrende Kälte vergessen können. Ich zitterte am ganzen Körper, und meine Fingerspitzen konnten kaum die Kamera bedienen.
Wieder war ich nahezu allein und konnte die gesamte Szenerie für mich genießen. Es war einfach wunderschön. Auch dieser Moment machte die wirklich teure und strapaziöse Reise mehr als wert.
Ich verweilte noch eine Weile, genoss die tolle Stimmung, beobachtete die Landschaft des Daches der Welt beim Aufwachen und erfreute mich daran, wie nach und nach die Sonne die umliegenden Berghänge erleuchtete.


Authentisches Leben am Dach der Welt: Ein Blick hinter die Klostermauern von Rongpu
Abermals kam ich komplett durchgefroren in unserem Zimmer an und hatte kaum eine Chance, mich aufzuwärmen, da es dort nicht wirklich warm war. Von warmem Wasser war weit und breit keine Spur.
Also gingen wir zum Frühstück und hofften auf einen warmen Tee. Dort fanden wir leckeres Brot, etwas Marmelade und einen wirklich köstlichen Ginger-Lemon-Honey-Tea. Dieser Tee gab mir sofort ein wenig Wärme zurück, und ich genoss es, ihn zu trinken.
Am Nachbartisch beobachteten wir einen Mann, der diesen Moment offenbar nicht genießen konnte. Nachdem er sein Telefonat beendet hatte, fing er bitterlich an zu weinen. Wer weiß, welche schlechte Nachricht er erhalten hatte. Umso dankbarer und demütiger war ich, dass wir unsere Zeit in Tibet ganz leicht und unbeschwert genießen konnten.
Nach dem Frühstück trafen wir unseren Guide Tenzin, der uns noch kurz durch das Kloster Rongpu führte. Dieses Kloster ist sehr interessant und vielleicht mein persönliches Highlight in Tibet. Trotz seiner prominenten Lage vermittelte es den Eindruck, dass man hier sehen konnte, wie die Mönche und Nonnen wirklich lebten. Es war klein, authentisch und rau – perfekt an das harte Klima in dieser Höhe angepasst.
Wir besichtigten die verschiedenen Gebetsräume, Buddhas und auch Wohnbereiche des Klosters. Dabei konnten wir ganz ungezwungen beobachten, wie die Gläubigen in diesem kleinen Kloster lebten.
Leider zierten im Jahr 2025 verschiedene Container das Erscheinungsbild des Klosters. Sie dienen als Unterkünfte für die Gläubigen, da ein vergangenes Erdbeben einige Wohnbereiche beschädigt hatte und die Menschen nun in den Containern wohnen. Das sieht auf Bildern nicht schön aus, ist aber notwendig für ihre Sicherheit.









Abschied vom Everest
Als wir abermals auf dem Geröllfeld standen und uns vom Mount Everest verabschiedeten, war ich sehr dankbar, dass ich diesen Berg sehen und die hier verbrachten Momente erleben durfte. Ich hätte nie gedacht, dass ich den Mount Everest einmal mit eigenen Augen sehen würde.
Der Weg hierher hat sich auf jeden Fall gelohnt. Auch wenn ich keinen Superlativen hinterherjage, wird dieser Moment unvergesslich in meinem Leben bleiben.
Ich werde nie vergessen, wie ich 24 Stunden im Everest Base Camp in Tibet verbrachte.
Die Frage ist nur: Wäre es für mich ein ebenso unvergesslicher Moment geworden, wenn wir nicht so ein großes Glück mit dem Wetter gehabt hätten? Ich kann es nicht beantworten – und zum Glück muss ich das auch nicht, denn wir hatten unglaubliches Wetter.
Desto demütiger werde ich, wenn ich daran denke, dass dies wahrscheinlich einer dieser „once-in-a-lifetime“-Momente war. Als wir mit dem Eco-Bus diesen extremen Ort verließen, dachte ich, dass ich hier wahrscheinlich nie wieder hinkommen werde.
Umso dankbarer bin ich, dass ich diesen Ort so nachhaltig in Erinnerung behalten kann.

