
In der unmittelbaren Umgebung von Lhasa konnten wir mit Hilfe unseres Guides Tenzin und unseres Fahrers Bimba ganz unkompliziert weitere Klöster besuchen. Diese gaben uns einen sehr guten Einblick in Tibets religiöse Kultur.
Im Vorfeld entschied ich mich gemeinsam mit unserer Beraterin und Sales Managerin der tibetischen Reiseagentur dafür, die Klöster Sera, Ganden und Drak Yerpa zu besuchen. Diese Klöster besuchten wir an zwei Tagen und wir waren sehr gespannt, wie das Leben in Tibet außerhalb der ehemals verbotenen Stadt Lhasa aussehen würde und freuten uns schon sehr auf diese Entdeckungstouren.
Religion hat hier nach wie vor eine große Bedeutung und prägt den Alltag der einheimischen Menschen maßgeblich. Was alle Klöster gemeinsam haben: Sie sind von atemberaubender Natur umgeben. Manche liegen in spektakulärer Berglandschaft, andere wurden auf kargen, felsigen Berghängen erbaut. Schon allein die Fahrt zu den Klöstern war es wert, den Weg auf sich zu nehmen.
Das Sera Kloster: Ein tibetisches Juwel und debattierende Mönche




In der unmittelbaren Umgebung von Lhasa erreicht man das Sera-Kloster relativ schnell und einfach. Dieses Kloster gilt als eines der am besten erhaltenen Klöster Tibets.
Einst lernten hier über 6.600 Mönche die Lehren der Gelugpa (Gelbmützen). Nach der Kulturrevolution, wie es unser Guide formulierte, war das Kloster nahezu ausgestorben. Heute hat es sich wieder erholt und beherbergt etwa 800 Mönche.
Am Kloster angekommen, läuft man zunächst an den einfachen Mönchsunterkünften vorbei, bevor man den bekannten Debattierhof erreicht. Hier lernen die Mönche die traditionelle Kunst des Debattierens und es ist ein wahres Vergnügen, ihnen dabei zuzusehen. Die Mönche verteidigen hier ihre gelernten Texte, um zu zeigen, dass sie den Inhalt wirklich verstanden haben.
Ein Mönch sitzt und gilt als Verteidiger in der Debatte; der andere Partner steht neben ihm und versucht seine gekonnt ausgewählten Fragen mit einer charismatischen Körperbewegung zu unterstreichen bzw. zu aggressiv zu betonen. Die Aufgabe beide Mönche ist es nun, die Argumente des jeweiligen Gegners zu entkräften. Um seine Fragen zu bekräftigen, klatschen die stehenden Mönche lautstark in ihre Hände und stampfen mit ihrem Fuß kräftig auf den Boden.
Schon von weitem hört man die debattierenden Mönche, sehen kann man sie erst, wenn man den Hof betritt. Besonders beeindruckend ist, dass sie ihre Streitgespräche führen, ohne sich persönlich angegriffen zu fühlen. Gewonnen hat der Mönch, der die Argumente seines Gegners zuerst entkräften kann.




Mir hat es auf dem Debattierhof besonders gut gefallen und ich hätte diesem Spektakel noch stundenlang zusehen können. Schön war, dass unser Guide uns völlig frei ließ und wir bleiben konnten, so lange wir wollten. Fotografieren oder filmen mit „professionellen“ Kameras ist im Hof nicht erlaubt. Hier dürfen lediglich mit Handys Aufnahmen gemacht werden. In Zeiten von hochwertigen Smartphone-Kameras wirkt die Regelung etwas seltsam, aber gut. Natürlich musste ich heimlich zu meiner Sony RX100 VII greifen, um ein paar Fotos zu machen, da mein Smartphone alles andere als optimal war. Allerdings habe ich hier versucht, sneaky zu fotografieren und ich glaube, mich hat auch keiner dabei gesehen.
Anschließend kann man an zahlreichen kleinen Tempeln und Gärten vorbeigehen und gelangt zum großen, bekannten Vorplatz des Haupttempels. Von hier aus hat man einen wunderbaren Blick auf die umliegenden Berge und den Tempel selbst. Im Tempel gibt es zahlreiche Buddhastatuen zu bestaunen, und man sieht Mönche bei der Arbeit: Sie kümmern sich um Spenden und achten penibel darauf, dass keine der zahlreichen Butterlampen erlischt.
Ganden Kloster – das Amphitheater auf 4000 m Höhe
Die Auszeichnung für die spektakulärste Lage geht eindeutig an das Kloster Ganden. Es thront majestätisch wie ein Amphitheater hoch über dem Kyi-Chu-Tal.
Um das Kloster zu erreichen, fuhren wir etwa 65 km (ca. 90 Minuten) auf einer gut ausgebauten Autobahn nach Osten. Anfangs dauerte es ein wenig, bis wir die Stadt Lhasa hinter uns gelassen hatten. Nach und nach verabschiedeten wir uns von den großen Wohnanlagen, und die atemberaubende tibetische Natur gewann langsam, aber sicher die Oberhand.
Kurz bevor wir von der Autobahn abfuhren, legten wir noch eine kleine Pause an einer Raststätte ein. Von dort ging es steil die Berge hinauf. Schließlich mussten wir noch einmal rund 1.000 Höhenmeter überwinden, um vom Tal zum Kloster Ganden zu gelangen. Schon hier bot sich ein kleiner Vorgeschmack auf das, was uns später auf der Tour zum Everest Base Camp erwarten sollte: steile, lange Pässe und beeindruckende Ausblicke.





Die Klosterstadt wurde 1409 gegründet und war Sitz des spirituellen Oberhaupts Ganden Tripa der Gelbmützen-Schule (Gelugpa). Bis 1959 lebten hier bis zu 3.000 Mönche. Während der Kulturrevolution wurde die Anlage systematisch zerstört. Ich wünschte, ich hätte die Möglichkeit gehabt, Tibet und dieses Kloster in seiner ursprünglichen Pracht zu erleben: Damals beherbergte es mehr als 200 Sakral- und Wohnbauten. Heute wurden die Ruinen nach und nach wieder aufgebaut. Mittlerweile sind das rote Mausoleum des Gründers der Gelbmützen-Schule und etwa 450 weitere Gebäude wieder zugänglich.
Es war immer wieder ein schöner Gedanken, sich vorzustellen, wie die Mönchen vor vielen Jahrhunderten hier in Ganden gelebt haben. Sie haben hier studiert, ihre Mahlzeiten vorbereitet, sind durch die Straßen gelaufen und haben natürlich auch soziale Kontakte geknüpft. Was muss dies für ein atmosphärischer Ort gewesen sein?
Fremde Menschen aus Europa werden zu dieser Zeit kaum durch die engen Gassen von Ganden gelaufen sein.










Nachdem wir die Klosterstadt in aller Ruhe erkundet und einen Eindruck davon gewonnen hatten, wie sich das Leben auf 4.000 m Höhe anfühlt, rannte ich schnell auf einen kleinen Hügel, um eines meiner Zielfotos zu schießen. Von dort hat man einen fantastischen Blick auf die Klosteranlage und ihre wunderschöne Einbettung in die umliegenden Berge. Auch die benachbarten Täler und Gipfel liegen klar vor einem – ein sehr, sehr besinnlicher Ort.
Zurück bei unserem Guide Tenzin fragte er, ob wir die Klosterstadt noch einmal umrunden wollten. Natürlich hatten wir Lust dazu: Bewegung ist schließlich die beste Art, sich aktiv zu akklimatisieren, und der etwa einstündige Weg bot erneut traumhafte Ausblicke auf die tibetische Landschaft. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt.
Als wir wieder in Ganden ankamen, gingen wir zurück zu unserem Fahrer Bimba und begaben uns auf den Rückweg nach Lhasa. Zuvor wollten wir jedoch noch das Kloster Drak Yerpa besuchen.




Drak Yerpa (Drayerpa) – Von Einsiedlerhöhlen und Berglandschaften
Dieses Kloster gehört zwar nicht zu den drei großen Klöstern der Gelbmützen-Schule – Ganden, Sera und Drepung – ist aber dennoch eine der wichtigsten heiligen Stätten im Lhasa-Tal. Hier kann man über 80 Einsiedler- bzw. Meditationshöhlen aus vergangenen Zeiten besichtigen.
Das Kloster liegt hoch in den tibetischen Bergen, und als wir es erkundeten, erzählte uns unser Guide, dass es sein Lieblingskloster bzw. Lieblingsort in der Region um Lhasa sei. Umso mehr freute er sich, dass wir von der Standardroute abwichen und uns Drak Yerpa ansehen wollten.
Die Lage ist so beeindruckend, dass sogar der Dalai Lama hier schon die ein oder andere Sommernacht in einem Zelt auf einer Wiese mit Blick auf die Klostergebäude verbracht hat.
In der Vergangenheit zogen sich viele bedeutende spirituelle Persönlichkeiten in die Meditationshöhlen zurück und lebten dort Monate oder sogar Jahre wie Einsiedler. Heute erkennt man die Höhlen noch daran, dass die Felswände durch den Ruß der Butterlampen tiefschwarz gefärbt sind.






Auch diese bedeutende Klosteranlage wurde während der Kulturrevolution nahezu vollständig zerstört. Heute befindet sie sich meines Erachtens wieder in einem sehr guten Zustand, und es ist ein wunderschöner Anblick, wie die Gebäude sich fast anschmiegend an die Felsen der Höhlen schmiegen.
Gemeinsam mit Tenzin lief ich über die zahlreichen engen und teils steilen Wege. Er erzählte mir viel über die Kultur, über sein Land Tibet und über sein Leben dort. Bei diesem Besuch rückten die Fakten über den tibetischen Buddhismus etwas in den Hintergrund, und wir unterhielten uns auf einer sehr persönlichen Ebene.
Außerdem konnte ich beobachten, wie Tenzin in den verschiedenen Höhlen und vor den zahlreichen Buddha-Statuen seine Religion auslebte.
Es war ein wirklich schöner Besuch der Klosteranlage. Hier stand eher das Persönliche und das Genießen der schönen Aussicht im Mittelpunkt.






Gebetsfahnen, Demut und die tibetische Lebenshaltung
Ein krönender Abschluss dieses wirklich interessanten, aber auch anstrengenden Tages war ein kurzer Stopp an einem Pass, der komplett mit Gebetsfahnen behangen war. Es war genau so, wie man es aus Reportagen oder Reiseberichten kennt: Der ganze Pass voller bunter Fahnen.
Tibetische Gebetsfahnen begegneten uns auf der gesamten Reise – auf Pässen, an Klöstern, zwischen Häusern und oft an besonders windigen Orten. Ihre Farben wirken zunächst unscheinbar, fast verwittert, und doch strahlen sie eine besondere Ruhe aus. Mir wurde erklärt, dass sie nicht für das Auge gedacht sind, sondern für den Wind: Mit jeder Bewegung sollen die aufgedruckten Gebete und Mantras in die Welt hinausgetragen werden. Vielleicht war es genau dieser Gedanke, der mich berührte – dass hier nichts festgehalten werden will, sondern alles weiterzieht, sich verteilt und irgendwann wieder vergeht.
Wir verbrachten eine ganze Weile auf dem Pass, beobachteten die Fahnen, wie sie im Wind tanzten, und schossen natürlich auch ein paar Fotos. Hier wurde mir wieder einmal bewusst, wo wir uns gerade befanden: mitten in Tibet.
Was für ein Privileg, durch dieses Land reisen zu können! In den letzten Tagen haben wir drei der bedeutendsten Klöster des Lhasa-Tals gemeinsam mit unserem Guide Tenzin besichtigt und dabei sehr viel über die tibetische Kultur sowie über sein Leben gelernt.
Es waren Eindrücke, die wahrscheinlich (oder hoffentlich) ein ganzes Leben anhalten werden. Besonders beeindruckend empfand ich, wie Tenzin erzählte, wie seine Religion ihn positiv prägt.
Die wichtigsten Eckpfeiler seiner Religion sind Demut und Mitgefühl. Diese Tugenden begegneten mir im tibetischen Buddhismus nicht als große Worte, sondern als gelebte Haltung. Durch Tenzins Erzählungen wurde deutlich, dass es dabei nicht um Selbstoptimierung geht, sondern um das ehrliche Wahrnehmen des eigenen Platzes in der Welt.
Demut bedeutet hier nicht, sich klein zu machen, sondern das eigene Ego zurückzunehmen. Und Mitgefühl heißt nicht nur, mit anderen zu fühlen, sondern ihnen aktiv mit Offenheit, Geduld und Wohlwollen zu begegnen – selbst dann, wenn es schwerfällt.
Schon allein für diese Einsichten, dieses Wissen und die gelebte Spiritualität hat sich der lange Weg nach Tibet und der Besuch dieser Klöster absolut gelohnt.



