Der unbekannte Junge aus Kathmandu

In der Zeit der Corona-Pandemie bleibt das Reisen für den normal sterblichen Menschen aus. Lediglich unnötige Influenzer, unsägliche YouTuber oder die ach so fairen Fußballer erlauben es sich, Reisen anzutreten und die Bewältigung der Pandemie dem normalen Fußvolk zu überlassen. Die Otto-Normal-Verbraucherin bzw. der Otto-Normal-Verbraucher kann lediglich auf sein Fotoarchiv zurückgreifen, um das Fernweh zu befriedigen.
Genau so tat ich es vor einiger Zeit und fand dieses Foto, welches ich in Kathmandu (Nepal) aufgenommen habe. Meine Gedanken kreisten immer wieder um den Jungen, welcher mir damals vor die Linse lief.

Ein Ort zwischen Trauer und Faszination

Dieses Foto habe ich im Jahr 2018 geschossen. In diesem Jahr habe ich den Himalaya-Staat Nepal bereist. Ich zehre noch heute von den dort aufgenommen Eindrücken und natürlich von den erlebten Momenten.

Kathmandu ist eine wunderschöne Stadt und das, obwohl die meisten Reisenden meinen, man müsse die nepalesischer Hauptstadt so schnell wie nur möglich verlassen.

Ein Highlight der (fast) Millionenstadt ist die Pashupatinath Tempelanlage. Sie ist eine der wichtigsten Tempelstätten des Hinduismus. Der Tempelbezirk liegt am Fluss Bagmati, welcher über den Koshi in den heiligen Fluss Ganges fließt.

Für viele Hindus ist es erstrebenswert, dass man nach dem Tod auf einer der zahlenreichen Verbrennungsstätten verbrannt wird und die übrig gebliebene Asche in den Bagmati gestreut wird. Dadurch wird es den Verstorbenen ermöglicht, ihre letzte Reise anzutreten. Die Reise zum heiligen Fluss Ganges.

Die Stimmung in dieser Tempelanlage ist unbeschreiblich. Hier gibt es unzählige westliche Toursiten, die in diese fremde Welt als Zuschauer eintauchen wollen. Dort wo Touristen sind, gibt es in Nepal immer Guides. Somit auch hier. Es gibt viele offizielle Guides und noch mehr inoffizielle Guides. Als wäre dies nicht schon genug Trubel, befinden sich auf diesem Gelände noch zahlreiche trauernde Menschen, welche ein verstorbenes Familiemitglied oder einen von uns gegangenen Freund verabschieden und bestatten wollen.

Die Emotionen aller anwesenden Menschen schwanken zwischen Faszination, Staunen, tiefster Trauer, Verzweifelung und einem alltäglichen Sinn für ein tüchtiges Geschäft.

Der unbekannte Junge

Die meisten der Reisenden werden direkt vor der Tempelanlage von einem Taxi herausgelassen und stürzen von dort in das quirlige, aber zu gleich stille Durcheinander.

Wir sind nach unserem Besuch noch ein wenig durch die Straßen gelaufen, welche an die Tempelstätte angrenzen. Das Bild dieser Viertel unterscheidet sich nicht groß von anderen Bezirken in Kathmandu.
Die Straßen und Häuser sind in einem meist baufälligem Zustand und der Staub ist ein treuer begleiter. Überall fällt einem die Armut auf, dennoch strahlen die Menschen eine gewisse Zufriedenheit und Ruhe aus.

An den Straßenrändern stehen die einheimischen Händler, die Waren des täglichen Bedarfs direkt von ihren Jahrzehnte alten Fahrrädern verkaufen.

Die Straßen waren an diesem Spätnachmittag fast leer. Es machte sich so etwas wie eine Feierabendstimmung breit. Viele Menschen waren in ihren Häusern oder saßen auf den Straßen.

Mir fiel nur ein Junge auf, welcher mit einem Blick auf seine Füße die Straße entlang lief.
Diese junge Mensch auf dem Foto verkörpert sehr viel von Nepal. Seine Kleidung entspricht bei weitem nicht unserem europäischen Standard. Sie erfüllt jedoch ihren Zweck.

Im Kontrast dazu steht das Fußballtrikot einer europäischen Top-Mannschaft. Ich kann mir vorstellten, dass das Trikot der ganze Stolz des Jungen sein wird. Es verkörpert aber auch eine ganz andere Welt, die er wahrscheinlich nur aus den Medien kennt und zu welcher er unter aller Wahrscheinlichkeit leider auch nie Zugang bekommen wird.

Dieser Kontrast fasziniert mich an diesem Bild, welches ich eher zufällig in meinem Fotoarchiv gefunden habe. Ich kann mir dieses Foto stundenlang ansehen und darüber nachdenken.

Sollte nicht genau das, die Fotografie erreichen?

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