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Trans-Himalaya: Xining entdecken – Zwischen Alltag, Kultur und verborgenen Momenten

Als ich mich in Vorbereitung auf meine Tibet-Reise über die chinesische Stadt Xining schlau machte, stieß ich immer wieder auf die Aussage, dass es die Stadt keinesfalls wert sei, mehr Zeit in ihr zu verbringen als unbedingt notwendig.

Solche Einschätzungen kann ich überhaupt nicht nachvollziehen und frage mich, ob sie tatsächlich von Reisenden stammen. Schließlich hat jeder Ort auf dieser Welt seinen eigenen Reiz und seine Besonderheiten, die es zu entdecken gilt.

Genauso erlebte ich es auch in Xining. Auf den ersten Blick mag die Stadt durchaus nicht durch Schönheit glänzen. Beim zweiten Hinsehen erkennt man jedoch schnell, dass sie sehr wohl einen Besuch wert ist. Der Grund dafür ist ganz simpel: Hier leben Menschen ihr Leben.

Für mich ist es oft am interessantesten, Menschen in ihrem Alltag zu beobachten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und sich über ihre jeweiligen Lebensrealitäten auszutauschen.

Natürlich gibt es auch in Xining einige touristische Highlights, die man sich nicht entgehen lassen sollte, wenn man diese chinesische Millionenstadt auf knapp 2300 Metern Höhe besucht.

Xining und die Neugier auf das Fremde

Schon während unseres Fluges von Xining nach Shanghai merkten wir, dass diese Region offenbar nicht an allererster Stelle auf der Liste vieler Reisender steht. Im Flugzeug waren wir die einzigen westlichen Touristen. Alle anderen Passagiere wirkten asiatisch und bei vielen konnte man anhand ihres Aussehens vermuten, dass sie dem tibetischen Kulturkreis angehörten.

Bereits hier freute ich mich auf die neue Region, die wir in den kommenden Tagen kennenlernen würden.

Unser durchaus freundlicher, aber überaus schweigsamer Taxifahrer brachte uns mit seinem Elektroauto zum Hotel. Auch dabei wurde schnell deutlich, dass diese Region kaum Kontakt mit westlichen Reisenden hat.

Die Frau an der Rezeption konnte uns nicht einmal auf Englisch begrüßen. Dennoch wusste sie sich zu helfen und holte eine Kollegin, die sehr gut Englisch sprach. So konnten wir schnell und äußerst freundlich einchecken. Wir bezogen unser Zimmer und genossen zunächst den tollen Ausblick auf eines der riesigen Wohnviertel von Xining.

Nach einer kurzen Erholungsphase hieß es für uns: Wir müssen unsere Umgebung erkunden. Wir hatten das große Glück, dass unser Hotel in einer vermeintlich unattraktiven Gegend lag. Für mich war das jedoch der Jackpot, denn hier lebten Menschen ihr Leben. Direkt vor dem Hotel befanden sich verschiedene Läden, einige Restaurants und ein viel zu lauter Markt.

Das Treiben war bunt, eng und doch genau so, wie man es sich in einer chinesischen Stadt vorstellt. Man mag es kaum glauben: Trotz der vielen Menschen fielen wir auf. Wir bemerkten, wie die Blicke der Passanten förmlich an uns klebten. Sie schauten uns an, blickten uns hinterher – und das ganz unverhohlen. Ihr Interesse an uns war deutlich spürbar.

So kam es innerhalb von nur zwei Stunden unzählige Male vor, dass wir freundlich und zuvorkommend gebeten wurden, ein Selfie zu machen. Selbst im Restaurant setzten sich Menschen zu uns, fotografierten uns und wechselten dabei ständig die Partner auf den Bildern. Teilweise schauten wir gleichzeitig in fünf Smartphones, die uns zusammen mit immer neuen Sitznachbarn ablichteten. Es war äußerst spannend zu erleben, wie es sich anfühlt, ein derart hohes Maß an Aufmerksamkeit zu bekommen.

Alle Begegnungen verliefen dabei respektvoll und herzlich. Auch wenn wir uns sprachlich kaum verständigen konnten, gelang die Kommunikation über Lächeln, Gesten und den Übersetzer auf dem Smartphone. Teilweise tauschten wir sogar Telefonnummern aus, um über WeChat in Kontakt zu bleiben.

Es war eine wunderbare Erfahrung, die uns Xining geschenkt hat – eine, die ich nicht missen möchte.

Street-Market auf der Moja Street und die Fußgängerzone von Xining

In Xining gibt es vermutlich kein wirkliches Zentrum – zumindest haben wir keines gefunden. Stattdessen findet überall in dieser Millionenstadt ein buntes, lebendiges Treiben statt. Es gibt jedoch einige Orte, an denen sich Touristen wahrscheinlich besonders wohlfühlen würden: Plätze, an denen man gutes Essen kaufen, über Märkte schlendern oder sich einfach treiben lassen kann.

So entdeckten wir einen sehr schönen Street-Market. Auf dem Mojia Street Market gibt es alles Mögliche zu kaufen: von Souvenirs über Streetfood bis hin zu alltäglichen Leckereien, wie zum Beispiel Süßigkeiten aus Yak-Milch. Der Markt selbst hat uns sehr gefallen, aber auch die umliegenden Geschäfte waren wirklich sehenswert. Wir besuchten den Market am frühen Abend und waren schlichtweg begeistert.

Durch Zufall stießen wir einen Tag zuvor auf eine weitere schöne Ecke von Xining: die Commercial Alley Pedestrian Street. Hier gibt es zahlreiche Läden, in denen man beobachten kann, was in China konsumiert und gekauft wird. Es war äußerst spannend, durch diese Fußgängerzone zu laufen. Es finden sich Malls in allen Größen, viele leckere Essensstände und natürlich wieder unzählige Menschen, die uns ihr Interesse zeigten. So kamen wir mit einigen ins Gespräch und machten mehrere Selfies.

Auch Burger King und Pizza Hut haben wir hier entdeckt. Wer also Sehnsucht nach westlichem Essen verspürt, ist an dieser Stelle definitiv richtig.

Zwischen Erwartung und Zufall: Islamisches Leben in Xining – Dongguan Moschee und Beiguan Moschee

Wenn man sich mit Xining beschäftigt, kommt man an der Dongguan-Moschee kaum vorbei. Nicht nur in der Vorbereitung unserer Reise hörten wir ausschließlich positive Stimmen über sie. An einem Vormittag schlenderten wir eine ganze Weile durch das umliegende muslimische Viertel und beobachteten, wie die Menschen hier lebten. In einer sehr guten Bäckerei kamen wir mit der Verkäuferin ins Gespräch und fragten sie nach ihrem Lieblingsort in Xining. Ihre Antwort kam ohne Zögern: Wir müssten unbedingt die Dongguan-Moschee besuchen – das sei ihr absoluter Lieblingsort. Damit war klar: Diese Moschee stand fest auf unserem Plan.

Sie zählt zu den bedeutendsten islamischen Bauwerken Westchinas und verbindet seit dem 14. Jahrhundert chinesische Architektur mit islamischer Tradition. In den letzten Jahren wurde sie erneut umgestaltet. Bei einer umfassenden Renovierung in den 2020er-Jahren entfernte man grüne Kuppeln und Minarette, die um das Jahr 2000 ergänzt worden waren. Das Erscheinungsbild näherte sich wieder klassischen regionalen Formen an – ein Schritt, der in der lokalen muslimischen Gemeinschaft durchaus kontrovers diskutiert wurde.

Davon erfuhren wir allerdings erst im Nachhinein. Vor Ort wunderten wir uns zunächst, warum wir die Moschee scheinbar nicht finden konnten. Lange waren wir uns unsicher, ob wir überhaupt richtig standen, denn nichts erinnerte an die Moschee, die wir von zahlreichen Fotos aus dem Internet kannten. Erst als wir von dem relativ jungen Umbau lasen, wurde uns klar: Doch, wir sind hier richtig.

Keine Frage, die Moschee ist kulturell äußerst wertvoll und ein Besuch lohnt sich definitiv. Begeistert waren wir von diesem Ort jedoch nicht. Es war sehr voll, laut, und irgendwie fehlte uns das Leben – obwohl gerade ein Gebet beendet worden war und die Gläubigen aus der Moschee strömten.

Vielleicht lag das auch daran, dass wir zuvor zufällig die Beiguan-Moschee entdeckt hatten. Dort konnten wir das wirkliche Leben in aller Ruhe beobachten. Aufmerksam wurden wir durch ihre übertrieben schöne, fast schon asiatisch anmutende Fassade. Hier erinnerte zunächst nichts an eine Moschee. Vorsichtig gingen wir durch das offenstehende Tor und merkten schnell, dass wir uns tatsächlich in einer befanden.

Auch diese Moschee war sehr neu, und wir hatten großes Glück: Der Muezzin rief gerade zum Gebet. Nach und nach kamen die Gläubigen, betraten barfuß die Moschee und begannen zu beten. Es war ein ungewohnter Anblick: Asiatische Menschen in einer Moschee. Dabei vergisst man leicht, dass es in China eine durchaus bedeutende, gemessen an der Gesamtbevölkerung zwar kleine, aber dennoch relevante, muslimische Gemeinschaft gibt.

Im Innenhof hielten wir uns sicher eine Stunde auf und beobachteten das Geschehen rund um die eintreffenden Gläubigen. Wir waren die einzigen Touristen, die dem Gebet von außen beiwohnten. Nur ein kleiner Junge gesellte sich zu uns, suchte immer wieder den Kontakt, umgarnte uns eine ganze Weile und beschenkte uns schließlich sogar mit einer chinesischen Variante der Süßigkeit Rocher.

In der Beiguan-Moschee erlebten wir wirklich einmalige Momente – genau jene, die das Reisen für uns ausmachen. Daher mein Tipp: Schau dir die Dongguan-Moschee auf jeden Fall an, aber erwarte nicht zu viel. Unser ganz persönlicher Moment wartete in einer kleineren Moschee auf uns.

Ein Ort des tibetischen Buddhismus und der Hingabe: das Kumbum-Kloster

Ein Ort, den man sich nicht entgehen lassen sollte, ist das Kumbum-Kloster (Ta’er-Tempel), das nur wenige Kilometer von Xining entfernt liegt.

Nur rund dreißig Kilometer oder etwa vierzig Minuten mit dem Taxi von Xining entfernt befindet sich das Kumbum-Kloster. Es gilt als einer der bedeutendsten buddhistischen Orte Tibets. Zwischen kunstvoll verzierten Tempelhallen und dem Duft von Butterlampen spürt man die lange Geschichte dieses Ortes, der seit dem 16. Jahrhundert Pilgerinnen und Pilger aus der gesamten Region anzieht. Wir selbst waren überrascht, wie viele Besucherinnen und Besucher sich das Kloster anschauen wollten. Es ist ein Ort, der bei Touristinnen und Touristen äußerst beliebt ist – das hatte ich so nicht auf dem Schirm.

Sucht man nach Bildern dieses Klosters, erscheint unter den ersten Suchergebnissen fast immer ein Foto der acht aneinandergereihten Stupas, die von den Gläubigen umrundet werden.

Manche umrunden diese Stupas in normalem Schritttempo, andere hingegen vollziehen die Umrundung in Form von Niederwerfungen. Dabei berührt man zunächst Stirn, Hals und Brust nacheinander mit gefalteten Händen. Anschließend wirft man sich der Länge nach zu Boden, richtet sich wieder auf und beginnt die Bewegung von Neuem.

Ich kannte diese Niederwerfungen bislang nur von Fotos, die andere Reisende mit nach Deutschland gebracht und auf Vorträgen gezeigt hatten. Nun konnte ich dieses buddhistische Ritual mit eigenen Augen sehen. Was für ein unvergesslicher Moment es war, Menschen mit einer solchen Konzentration und Überzeugung bei der Ausübung ihres Glaubens zu beobachten.

Für mich war dies der erste direkte Kontakt mit der tibetischen Kultur – und ich war begeistert. Wir hielten uns lange in dem Kloster auf und hätten problemlos noch mehr Zeit auf dem Gelände verbringen können. Hier lernte ich allerdings auch, dass man in dieser Kultur keine Pluspunkte sammelt, wenn man in bedeutenden Tempeln fotografiert. Ein einheimischer Fotograf gab mir am Eingang eines Tempels einen entsprechenden Hinweis. Leider verstand ich erst im Nachhinein, als ich bereits ermahnt wurde, was er mir hatte sagen wollen. Wie auch immer: Es war keine Absicht, und dennoch entstand durch mein frevelhaftes Verhalten eine starke Aufnahme aus dem Inneren des Tempels.

Ich weiß, dass ich mich damit über die Regeln der Kultur hinwegsetze, in der ich zu Gast bin. Doch manchmal muss ich einfach den Auslöser meiner Kamera drücken. Andernfalls dürfte ich viele dokumentarische Aufnahmen dieses Kulturkreises gar nicht machen. Ich versuche dabei jedoch stets, solche Momente zu wählen, in denen die Wahrscheinlichkeit gering ist, gesehen zu werden – um niemanden zu verärgern oder in seiner Andacht zu stören.

Vom Nanshan-Park zum Nanshan Tempel bis hin zu einer abenteuerlichen Sackgasse und dem Ausbruch aus der selbigen

Nachdem wir beschlossen hatten, das Kumbum-Kloster zu verlassen, bestellten wir uns über DiDi ein Taxi, das uns zum Nanshan-Park brachte. Dabei handelt es sich um einen wunderschön angelegten Park, der in den umliegenden Bergen von Xining liegt. Von hier aus hat man eine großartige Aussicht auf diese chinesische Millionenstadt, von der ich zuvor noch nie gehört hatte.

Wir spazierten eine ganze Weile durch den Park, holten uns ein paar kleine Snacks und machten uns schließlich auf die Suche nach einer Toilette. Diese wurde uns von einer überaus netten Mitarbeiterin gezeigt, die sich ganz fantastisch um uns kümmerte. In Deutschland hätte man uns vermutlich einfach erklärt, dass wir fünf Minuten in diese Richtung laufen müssten und dann die Toilette sehen würden. Hier in Xining verstand man uns zunächst nur schwer. Als jedoch klar war, dass wir eine Toilette suchten, zeigte sie sie uns zuerst auf der Karte und begleitete uns anschließend persönlich dorthin.

Später besuchten wir noch ein Lotus-Gebäude, das wir bereits aus der Ferne gesehen hatten, und versuchten anschließend, vom Park aus zum Nanchan-Tempel zu laufen, um unsere Wanderung schließlich in der Stadt zu beenden.

Schon unterwegs warnten uns andere Wanderer, dass der Weg vermutlich in einer Sackgasse enden würde. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob wir sie wirklich richtig verstanden hatten. Also beschlossen wir, es trotzdem zu versuchen und von dort aus in die Stadt zu laufen.

Und was soll ich sagen: Wir hätten auf die anderen Menschen hören sollen. Zwar konnten wir einen schönen Blick auf den Nanchan-Tempel werfen, doch der Zugang war aufgrund von Bauarbeiten gesperrt und zudem von Hunden bewacht. Es gab keine Möglichkeit, diesen Weg weiterzugehen. Uns blieb also nichts anderes übrig, als den gesamten Weg wieder bergauf zurückzulegen und entweder am Parkeingang ein Taxi zu organisieren oder einen anderen Ausgang zu suchen. Wir entschieden uns für Letzteres – und fanden einen ziemlich abenteuerlichen Ausweg.

Wir mussten zwar durch eine Baustelle „einbrechen“ und diese später auf nicht ganz legalem Weg direkt neben einer Polizeistation wieder verlassen, doch so sparten wir uns einen vermutlich einstündigen Umweg. Ab diesem Punkt wurde es wieder entspannt: Wir bestellten ein Taxi, das uns in sichere Gefilde brachte – möglichst weit weg von besagter Polizeistation.

Der Abschied von Xining und die Schönheit des Alltäglichen

Als wir am Flughafen saßen und auf unsere Tage in Xining zurückblickten, kamen wir zu dem Urteil, dass sich der Weg dorthin wirklich gelohnt hat. Auf den ersten Blick mag die Stadt vielleicht nicht besonders schön wirken, doch sie ist ein Ort auf dieser Erde, den man einmal besucht haben sollte. Die Schönheit liegt hier im Alltäglichen. Genau solche Orte bevorzuge ich denjenigen, die einem jeder Reisende empfiehlt.

So erinnerten wir uns etwa daran, wie wir am Central Square von Xining saßen und tanzende Menschen beobachteten. Sie versammelten sich in ihrer Gemeinschaft und tanzten gemeinsam tibetische Tänze. Es war einfach wunderschön, die fröhlichen Menschen zu sehen. Und das Beste: Weit und breit war kein anderer Tourist. Wir waren mitten im Leben der Menschen.

Dennoch stand nun der Abschied bevor. Der Flughafen selbst gefiel uns sehr: nicht zu groß, nicht zu klein, und ich konnte zahlreiche mir unbekannte Airlines beobachten.

Bald schon hieß es für uns, Xining endgültig zu verlassen, das Flugzeug zu betreten und später in der ehemals verbotenen Stadt Lhasa, der Hauptstadt Tibets, auszusteigen.

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