Reisen zu Zeiten der Ausschreitungen in Chile

#ChileDesperto – Chile ist aufgewacht. Dieser Ausdruck sollte uns auf unserer Reise durch Chile immer dicht begleiten und letztlich den Eindruck der Reise stark beeinflussen. Keineswegs sind dies negative Eindrücke, viel mehr ist uns bewusst geworden, dass dies rückblickend ein historischer Moment für Chile sein wird. Und wir waren dabei!
In der Atacama Wüste haben wir von den Unruhen recht wenig mitbekommen, je näher wir der Hauptstadt Santiago de Chile kamen, desto mehr rückten die Ausschreitungen und Proteste in unseren Reisealltag.

Der Weg nach Antofagasta

Schweren Herzens haben wir von unseren liebgewonnenen Wüstenort San Pedro da Atacama Abschied genommen und haben uns auf den Weg in die Metropole am Pazifik – Antofagasta – gemacht. Dort sollte am nächsten Tag unser Flug die Landeshauptstadt Santiago de Chile stattfinden.

Auf dem 300km langen Weg an die Küste fährt man größten Teils auf gut ausgebauten Landstraßen – später sogar auf Autobahnen. Die Landschaft verändert sich alle Zehn Minuten stetig, der Wüstencharakter der Umgebung bleibt jedoch immer erhalten. Es ist ein atemberaubender Fleck unserer Erde – hier in der Atacama Wüste.

Während der Fahrt bekamen wir einen Anruf der Autovermietung, dass er jetzt das Büro in Antofagasta schließt. Am Nachmittag sind Demonstrationen angekündigt und die Lage sei für ihn zu gefährlich.
Im Fernsehen und über das Smartphone haben im Off der Atacama Wüste erfahren, dass es in Chile Proteste gibt und verschiedene Städte regelrechte von den Demonstranten „zerlegt“ wurden.
Wir konnten uns den Ernst der Lage nicht vorstellen.

Einen ersten Eindruck sollten wir bekommen, als wir die 350.000-Einwohner-Stadt Antofagasta erreicht haben. Der Plan war, das Auto vollzutanken, abzugeben und in unserem Appartment einzuchecken.

Kein Benzin … Lockdown in Antofagasta

In der Stadt angekommen, waren die Geschäfte und Einrichtungen verbarrikadiert. Vor den geschlossen Geschäften stand Militär mit Maschinengewähren. Ein für uns Deutsche sehr fremder Anblick. Militär sind wir zumindest nicht gewohnt.
Nach einigem Suchen haben wir eine offene Tankstelle gefunden. Hier war doch der Benzin alle. Kein Tanken möglich. Im ersten Durchgang konnten wir noch 2,5 Liter tanken und dann hieß es: 1 Stunde warten, dann würde noch einmal Benzin kommen. So zumindest der Tankwart.
Schließlich gilt es doch für uns Klischee-Deutsche, dass wir alles ordnungsgemäß und wenn möglich, auch vollgetankt, abgegeben wird.

Nach einer Stunde warten vor einem mit schweren Ketten verschlossenen Burger-Laden, gab es Benzin. Mit vollem Tank ging es zurück zur Autovermietung. Wer konnte, hat sein Geschäft geschlossen und provisorisch, aber routiniert, sein Haus mit Brettern geschützt.

Hier haben wir das erste Mal den riesigen Demonstrationszug gesehen. Es wurde getrommelt, gesungen und laut gerufen. Alles insgesamt sehr friedlich. Die Polizei und das Militär sperrten die ordentlich ab. Wir als Touristen wurde freundlich vom Militär durchgewunken und konnten unser Auto abgeben.

Demonstranten zerlegen Antofagasta oder kämpfen sie nur für Gerechtigkeit?

Im Appartment angekommen, kam die Menschenmassen auf unsere Straße. Vor einer großen Shoppingmall eskalierte die Situation 15 Minuten später.

Die Polizei war nicht mehr zusehen, das Militär war zwar schwer bewaffnet, jedoch hoffnungslos unterbesetzt. Auf mehrere Tausend Demonstranten kamen vielleicht 15 Soldaten.

Es wurde gesprungen, laut gerufen und getrommelt. Von nun an spitzte sich die Lage jedoch zunehmend zu. Einige wenige begannen die Soldaten zu provozieren, in dem sie sie beschimpften, Drohgebärden zeigten oder ihre nackte Ärsche zeigten.
Zeitgleich versuchten jedoch auch Menschen mit mehr Verstand und Gesinnung, diese aggressiven Demonstranten mit einer Menschenketten zurückzuhalten.

Dies half jedoch nichts mehr, als die ersten Menschen anfingen, Steine zu werfen. Die Steine wurden direkt auf die Soldaten geworfen. Die Soldaten wischen den Pflastersteinen aus und blieben friedlich.
Nach und nach wurde nun versucht, die Verbarrikadierungen der Geschäfte zu beschädigen. Die Demonstranten zerstörten mehr und mehr ihre Stadt.
Nun kam das Militär mit größeren Fahrzeugen und versuchte die Demonstranten mit Wasserwerfern und Tränengas zurück zu drängen. Die Demonstranten hatten keinerlei Respekt vor den Soldaten als Menschen oder Institution.

Als das Militär mit gepanzerten Fahrzeugen kam und Tränengas gesprüht hat, flüchteten die Demonstranten in die zahlreichen Gassen von Antofagasta.

Schüsse und Panik

Von der Dachterrasse beobachten wir angespannt das Geschehen der nächsten Stunde. Die Demonstration hat sich nun auf das Stadtzentrum verlegt. Wir hörten die Demonstranten lautstark, es wurden Palmen angebrannt und schließlich fielen auch Schüsse.
In den nächsten Minuten machte sich Panik breit und viele Demonstranten liefen kreuz und quer durch die Straßen.

Dies war das Muster, welches wir in den nächsten Stunden oft beobachteten: laut demonstrieren, randalieren, Mülltonnen etc. anbrennen und schließlich Schüsse.

Wir als Europäer konnten die Situation bis dato nicht wirklich einschätzen. Da wir als Touristen nicht wissen, wie es ist, in Chile zu leben. Somit blieben uns am Ende des aufregenden Tages jede Menge offene Fragen.

Einige davon konnten wir während unserer letzten Tage in Santiago de Chile teilweise klären.

Mit Pfannen und Tränengas durch Santiago de Chile

Auf der Dachterrasse von unserem Apartment in Antofagasta trafen wir zwei Österreicher, welche aus Santiago de Chile kamen.
Sie schilderten uns, dass die Lage in der Landeshauptstadt ähnlich sein. Als Tourist würde man aber nicht in Gefahr stehen. Die Demonstranten sind zu Mitmenschen friedlich. Nur gegenüber dem verlängertem Arm des Staates – dem Militär – sind sie oft alles andere als friedlich gestimmt. Für uns wirkte es sich vor allem darauf aus, dass alle touristischen Attraktionen geschlossen haben und wir ab und zu eine Wolke des gelben Tränengases abbekommen haben.

Unser Alltag in Santiago war durch die Unruhen geprägt. Es war einfach alles geschlossen. Lediglich Apotheken, kleinere Supermärkte (oft mit Einlass-Kontrolle), kleinere Getränkemärkte und einige Restaurants waren geöffnet.
Rodrigo erklärte uns, dass die Einwanderer aus Philippinen die Gunst der Stunde nutzen und mit ihren kleinen Straßenständen und Streetfood-Wagen nun großen Umsatz machen.

Somit sind wir viel durch die Stadt gelaufen. Wir achteten immer wieder darauf, dass wir uns von den Brennpunkten fernhielten und wischen auf kleinere Nebenstraßen aus.
Dennoch passierte es uns oft, dass wir in einen Demonstrationszug kamen und eine Ladung Tränengas abbekommen haben.
Die Demonstrationen fanden quer durch die ganze Stadt statt. Hier haben die Krankenschwestern demonstriert, dort haben die Studenten getanzt, auf dem nächsten Platz haben die Ultras etwas angezündet und vor einem beliebigen öffentlichen Gebäude wurde das Wasser des Brunnens blutrot gefärbt.
Daraus wird ersichtlich, wie vielseitig der Protest der Bevölkerung war und leider immer noch ist.

Sobald die gepanzerten Militärwagen kamen und das gelbe Gas versprühten. Entstand schlagartig Panik und alle rannten – so schnell jeder kann – davon. Das Tränengas brennt unheimlich in Augen, Nasen und Mund. Unvorstellbar, dieses gefährliche Gas direkt, aus nächster Nähe abzubekommen.

Gemeinsam mit Rodrigo durch die Stadt

Glücklicherweise erwischten wir noch einen privaten Stadtrundgang. Rodrigo haben wir in Santiago gesehen, als er anderen Deutschen seine Stadt zeigte. Ganz unhöflich fragten wir ihn, ob er in den nächsten Tagen auch uns so eine private Stadtführung geben könne.
Glücklich stimmte er zu und nahm sich am Nachmittag Zeit, um uns am Nachmittag seine Stadt zu zeigen. Wir erlebten drei wunderschöne Stunden, in denen wir mit ihm durch die zentrumsnahen Stadtteile Santiagos liefen.
Er erklärte uns sehr viel über die Stadt, aber auch über die Menschen von Chile und auch über die Ungerechtigkeit, die die Chilenen von Seiten des Staates erleben. Somit bekamen wir ein wenig mehr Gefühl für die aktuellen Aufstände und die allgemeine Lage, in welcher sich Chile befindet.

An manchen Orten war die Stadt wie ausgestorben. Dies betraf vor allem Stadtteile bzw. Straßenzüge, die durch das Militär geschützt wurden oder einsame Seitenstraßen. Große Plätze oder die Hauptstraßen hingegen, waren teilweise übersät von Demonstranten und Menschen, die ihren Protest zum Ausdruck bringen möchten.

Ausganssperre und Pfannenkonzerte auf den Balkonen

Jeden Abend ab 19 Uhr griff die strikte Ausgangssperre, die der Präsident über das Stadtgebiet der Hauptstadt erlegte.
Ab dann waren die Straßen nahezu leer. Die letzten Demonstranten kamen nach Hause, die großen Demonstrationszüge des späten Nachmittags haben sich aufgelöst und die Proteste gingen auf den unendlich vielen Balkonen der einzelne Stadtteile weiter.

Dieses Phänomen nennt man Cacerolaza (https://de.wikipedia.org/wiki/Cacerolazo), es wird mit Holzlöffeln auf Pfannen oder Töpfen geschlagen, um so lautstark auf sich aufmerksam zu machen. Dazu wurden von den Balkonen gemeinsam Schlachtrufe im Chor gerufen. Dieser unglaubliche Zusammenhalt und Gänsehautmoment zog sich meist von 21 Uhr bis 23 Uhr. Danach war es schlagartig leise.

Die Abendstunden verliefen jedoch nicht so romantisch, wie es hier dargestellt wurde. Auf unserer Straße wurden ebenfalls mehrere Menschen festgenommen, die sich auf verschiedene Art nicht an die Ausgangssperre gehalten haben und von ihren Balkonen anscheinend zu staatsfeindlich protestiert haben. Solche Situationen gab es mit Sicherheit mehrfach und noch brutaler in Santiago sowie in anderen Ortschaften Chiles.

Oft habe ich die frühen Morgenstunden genutzt, um mit meiner Kamera durch die Straßen zu laufen und die Menschen, die zur Arbeit gehen, zu beobachten und ein wenig mehr in das Feeling der Hauptstadt einzutauchen.

Luxusprobleme – Auswirkungen auf unsere Reise

Die Auswirkungen auf unserer Reise waren im Vergleich zu den Toten oder den Ängsten der Chilenen natürlich gering, aber durchaus spürbar.
So hatte unser Flug von Antofagasta nach Santiago viele Stunden Verspätung, der Rückflug nach Europa stand auf der Kippe und die Infrastruktur (Geschäfte, touristische Sehenswürdigkeiten) waren nur stark eingeschränkt nutzbar. Abgesehen von der Gefahr, die für alle Menschen in Santiago bestand. Denn dort haben wir erstmals gesehen, wir strikt Organe des Staates Menschen festnehmen können.

Dennoch waren die letzten Tage unser Reise nach Südamerika einprägsam, irgendwie auch besonders und auf jeden Fall sehr aufregend. Ich möchte diese Erfahrung – einer solchen Umbruchstimmung in Chile – nicht missen.

Chile hat sich von uns damit verabschiedet, dass es uns mit einer gespaltenen Meinung zum Land, zur Regierung und auch zu den Menschen heimreisen ließ. Einerseits waren wir sehr enttäuscht, mit welcher Härte, Brutalität oder auch Freude am Randalieren demonstriert wurde. Wir haben gesehen, dass Kriminalität auch in Chile direkt spürbar ist.

Wir haben auch gesehen, wir hart das Leben in vielen Bereichen für die Menschen in Chile ist.

Aber dennoch wurden wir von allen Menschen sehr nett empfangen, nahezu jeder Mensch mit dem wir Kontakt hatten, war sehr herzlich zu uns. Ganz zu schweigen von der Landschaft. Chile – im besonderen die Atacama-Wüste und das Altiplano – haben landschaftlich einen unbeschreiblichen Reiz und haben echt etwas auf dem Kasten!

Der Weg lohnt sich.

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